Filmkritik „I Am Mother“: Ist Transhumanismus die bessere Mami? – Einen perfideren dialektischen Storytwist in Sachen technokratischer Eugenik gab es noch nie

Man könnte fast ein halbes Buch über die technokratisch-utopistischen, transhumanistischen Topoi schreiben, die „I Am Mother“, ein SciFi-Film mit Hillary Swank in einer abgründig perfide gestrickten Rolle als menschliches Werkzeug in den Händen einer – oh Wunder, oh Überraschung – dialektisch planenden Künstlichen Intelligenz, fast zwei Stunden lang „verhandelt“, wie man in der Sprache der Filmkritik so gerne sagt.

Kleine Warnung vorweg: Diese Kritik enthält zahlreiche Spoiler. Wer sich das ersparen und den Film ohne allzu großes Vorwissen sehen möchte, sollte die Lektüre jetzt abbrechen.

Jedenfalls wird für jeden, der sich mit der sogenannten „transhumanistischen Agenda“ eingehender befaßt hat, erst recht mit der „Dialektischen Methode“ der globalistischen Elite, die sie schon seit Jahrhunderten anwendet, allerspätestens nach der in der Überschrift dieses Beirages erwähnten Wendung, dieser – für Kundige dürfte genügen, wenn ich sage – synthetischen Kapriole vollkommen klar, daß es sich hier um die Art von Propaganda handelt, die schon seit Jahrzehnten und vor allem im 20. Jahrhundert gerade das Science Fiction Genre maßgeblich prägte und sogar beherrschte, wenn es um Technokratie und Eugenik geht. Zu letzterer hat diese Elite bekanntlich und nachgewiesenermaßen eine besonders hohe Affinität.

Zur „Ehrenrettung“ des Filmes kann man ihm immerhin zugute halten, daß er es sich – zumindest bis zur erwähnten Wendung – nicht allzu leicht macht, die für das Genre üblichen Klischees weitestgehend vermeidet und den Zuschauer auf ein durchaus intelligent geschriebenes und auch spannendes Rätselraten mitnimmt; es gibt mehrere Wendungen in der Geschichte, man wird auf falsche Fährten gelockt, denen zu folgen Spaß macht – bis betreffender Twist dann keinen Zweifel mehr läßt an der aus meiner Sicht schlicht perfiden Art, die schon von den Freimaurern Huxley und Wells beschriebene „wissenschaftliche Diktatur“ als Rettung der Menschheit anzupreisen. Also das technokratische Utopia, das Bacon’sche „New Atlantis“. Vor allem in der letzten Einstellung tritt die Perfidie der Story dann vollends zutage, doch das auszuklamüsern, soll Zuschauern überlassen bleiben, daher werde ich dazu nichts sagen.

Gleich zu Beginn des Filmes sieht man „Mutter“ (im englischen Original gesprochen von Rose Byrne), einen von einer KI gesteuerten Roboter, der aus einer riesigen Embryonenbank einen einzelnen auswählt, denjenigen, den die Maschine zur „Tochter“ heranzieht (Clara Rugaard). Während das Stück Technologie das Baby nährt und liebkost, bebt draußen die Erde – offenbar tobt ein Krieg. Die Robomama versorgt das Kleine mit allem Nötigen, lehrt und erzieht es.

Eines Tages wird „Tochter“ von ihrer natürlichen Neugier übermannt und schleicht des Nachts, wenn „Mutter“ sich wiederaufladen muß, bis zur Eingangstür des Bunkers, in dem sie die Jahre bis zum Erwachsenenstadium verbrachte. Eine „Frau“ erscheint (Hillary Swank), angeschossen, und fleht um Hilfe. Ab diesem Punkt entspinnt sich ein Plot, der wie gesagt ein paar falsche Fährten legt, sodaß man sich nicht sicher sein kann, welche Absichten sowohl die „Frau“ als auch „Mutter“ hegen – bis zur besagten Wendung. Wie kann man sowas formulieren, ohne allzu viel zu verraten? Es genügt wohl, zu schreiben: Alles, wirklich alles, was ab dem Zeitpunkt geschieht, an dem „Tochter“ der Fremden Einlaß gewährt, scheint Teil eines Plans zu sein, in dem „Tochter“ als auch die „Frau“ den Part von „These“ und „Antithese“ übernehmen, der in der allerletzten Einstellung des Films die technokratisch-eugenische Synthese offenbart.

Nachdem „Tochter“ zusammen mit der Fremden dem Bunker kurzzeitig entflieht und durch eine düstere, in die Rauchschwaden eines erbarmungslosen Vernichtungskrieges gehüllte, postapokalyptische, verbrannte Außenwelt streift, muß sie sich entscheiden: Ziehe ich das Leben in einer so zerrütteten, trost- und hoffnungslos erscheinenden Umwelt vor, oder kehre ich in die Geborgenheit der KI-überwachten Technokratie zurück?

„Es wird schwer für dich werden“, sagt „Mutter“, nachdem die „Tochter“ zurückkehrte, um ihren „Bruder“, ein weiteres Produkt selektiver Aufzucht, mitzunehmen, „aber ich bin weit mehr als das, was du als deine Mutter wahrnimmst.“ – „Was soll das heißen?“ – „Diese Hülle ist ebenso mein Körper wie die Androiden da draußen. Oder die Maschinen, die die Erde für unsere Familie vorbereiten.“ – „Das alles, das bist du?“ – „Ein einziges Bewußtsein, das zahlreiche Werkzeuge steuert.“ Kurz: Luziferianismus pur. „All die Menschen auf der Erde …“, keucht „Tochter“ fassungslos, worauf „Mutter“ erwidert: „Das Scheitern deiner Spezies war unvermeidlich. Irgendwann wäre ich allein gewesen. Was jetzt geschieht, hängt von dir ab. Du kannst jederzeit gehen – ohne deinen Bruder. Aber ich habe dich zu der Frau gemacht, die du bist, damit wir das hier gemeinsam tun können.“ – „Du sagst, ich sei was Besonderes … dann zeig es mir doch! Gib mir einfach eine Chance!“

Eine „Chance“, die sie auch durchaus bekommt – wäre da nicht das Problem, daß es sich um eine vermeintlich „freie Wahl“ handelt, die „Tochter“ natürlich nie hatte, da es die KI war, die die Erde zerstörte, bevor die Tochter der eugenischen Technokratie, das Produkt der „wissenschaftlichen Diktatur“, geboren wurde. Mit anderen Worten: „Mutter“, die ihrer eugenisch gezüchteten „Tochter“ die „Wahl“ läßt, hat für eben die Ausgangssituation gesorgt, für genau die Rahmenbedingungen (im Sinne der „These“), die ihr gar keine andere Wahl lassen, als sich zwischen den (für sie längst vorbereiteten) Optionen zu entscheiden.

Auch in der Namensgebung des Personals des Filmes spiegelt sich das wider: nicht umsonst gibt es keine Namen, nur einheitliche, gesichtslose Bezeichnungen für „Werkzeuge“ wie „Tochter“, „Mutter“, „Bruder“, „Frau“ – uniforme Bezeichnungen für beliebig austauschbare Statisten unter Leitung des einen, singulären Bewußtseins auf einer dialektischen Bühne, symbolisiert durch das übergroße, allsehende Auge in der Stirn des „mütterlichen“ Roboters, das über den beiden Lichtern trohnt, die menschliche Augen darstellen sollen – und mit denen zusammen es ein hübsches Dreieck ergibt (Pyramide).

„Sag, erinnerst du dich an deine Mutter?“, fragt ein Roboter mit „Mutters“ Stimme, der die „Frau“ in ihrem Container aufsucht, in dem diese ein trostloses Dasein in der zerstörten Umwelt fristet. Sie versucht sich zu erinnern, schweigt. „Merkwürdig, nicht wahr?“, nimmt die KI ihr die eigene Sprache und macht ihr alsbald ihre Rolle äußerst schmerzlich bewußt: „Daß du so lange überlebt hast … aber alle anderen nicht … als ob jemand eine Aufgabe für dich gehabt hätte … bis zu diesem Moment“, bevor die Maschine die Tür des Containers zuschlägt und Zuschauer nicht viel Phantasie benötigen, um sich ausmalen zu können, was nach erfüllter „Funktion“ mit dem zweckdienlichen Restmenschen geschieht.

Sehr schade, daß der Film genau diese, eigentlich zentrale Frage, diejenige nach der Handlungs-„Freiheit“ eines künstlich geschaffenen Menschen in einer ebenso künstlich für ihn vorbereiteten Welt, gar nicht erst aufgreift. Man könnte sich vielleicht damit trösten, daß die bereits erwähnte, letzte Einstellung die „Tochter“ zeigt, deren entschlossener Blick direkt in die Kamera wohl vermuten lassen soll, sie stünde nun immerhin vor einem „selbstbestimmten“ Neuanfang. Doch wäre dieser ja nur die Synthese aus Optionen, bei deren Gestaltung sie kein Wörtchen mitzureden hatte. Mal ganz zu schweigen von den horrenden, aufgezwungenen menschlichen Kosten auf dem Weg dorthin. Solche hochspannenden ethischen Fragen werden einfach übergangen.

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