Filmkritik: „Jacob’s Ladder“

Nachdem Regisseur Adrian Lyne mit „9 1/2 Wochen“ ein bisschen Hochglanzlack auf Zuschaueraugen gesprüht hatte, erwarteten viele Filmkritiker – und auch Zuschauer – wohl nicht mehr allzu viel von ihm. Sicher, der Film mit Kim Basinger und Mickey Rourke in den Hauptrollen war eigentlich nicht mehr als ein überlanges MTV-Musikvideo, das auch als Cola Light-Werbejingle durchgegangen wäre, hatte aber immerhin Atmosphäre – ob man diese nun mochte oder nicht. Die Fähigkeit zu atmosphärischer Stimmigkeit ließ sich Lyne also schon damals nicht absprechen.

Bis er „Jacob’s Ladder“ vorlegte (dessen überraschende Wendung am Ende des Films durch den saudummen und völlig überflüssigen Zusatz „… in der Gewalt des Jenseits“ eigentlich schon zunichte gemacht bzw. gespoilert wurde, aber deutsche Verleihfirmen scheinen ja ohnehin zu glauben, deutsche Zuschauer wären allesamt zu dummdusselig, einen Film selber zu interpretieren und zu verstehen, weshalb man sie ständig an die Hand nehmen müsse wie behinderte Kleinkinder).

Viele Kritiker waren baff: Einen so abgründigen, philosophisch durchwirkten, stockfinsteren Psycho-Horrortrip hätten sie Lyne wohl nicht zugetraut. Das Drehbuch zu „Jacob’s Ladder“ von Bruce Joel Rubin galt lange Zeit als das „beste unverfilmte Skript Hollywoods“; es wurde immer wieder herumgereicht, aber kein Studio traute sich an den deprimierenden Stoff.

Bis Lyne daraus ein Kleinod des Genres machte, wobei man sich streiten kann, welchem es denn nun zuzurechnen sei: Horror? Psychodrama? Psychothriller? Pfff, wer unbedingt Erbsen zählen will. Zumal die Grenzen zwischen den Subgenres ohnehin fließend sein können.

Tim Robbins in der Hauptrolle liefert eine erstklassige Leistung ab als von Visionen geplagter Postbote, der sich immer wieder an seine Vietnam-Vergangenheit erinnert, dem auf der Straße seltsam surreale Gestalten begegnen und der das dumpfe Gefühl hat, daß die Realität, in der er lebt, nur ein Alptraum sein könnte. Doch welche Ebene ist nun die reale?

Genau diese Frage läßt der Film offen – und legt, wie es sich für einen intelligenten Genrevertreter gehört, genug falsche Fährten, um Zuschauer lange genug rätseln zu lassen. Manche werden sich den Schlußtwist vielleicht schon frühzeitig denken können; wobei zu fragen wäre, ob das wirklich am Film liegt oder eventuell daran, daß nach Lynes Horrortrip in die geplagte Seele eines verloren wirkenden Menschen, den Robbins mit adäquater Verunsicherung, mal rastlosem, unruhigem, mal seine Umwelt und seine Mitmenschen – auch seine Freundin Jezebel („Jezzie“, Elizabeth Peña) – stierem, ungläubig durchdringendem Blick spielt, als taste er die Welt auf Plausibilität ab, auf die Möglichkeit einer endgültigen, Ruhe und Gewißheit stiftenden Endgültigkeit der Wahrnehmung, andere Filme erschienen, die genauso vorgingen wie „Jacob’s Ladder“ – nicht zuletzt M. Night Shyamalans „The Sixth Sense“, der dem Publikum ebenfalls eigentlich sämtliche Informationen gab, die es brauchte, um das Finale erahnen zu können, oder Alan Parkers grandioser „Angel Heart“ – was aber kaum jemandem gelang, womit Shyamalan nicht nur ein exquisites Mystery- und Psychodrama ablieferte, sondern gleichzeitig auch noch die Macht der Wahrnehmungsgewohnheit auf Zuschauerseite vorführte: Glaubst du etwa alles, was du siehst? Schau lieber nochmal genauer hin.

Der einzige, der den studierten Philosophen Jacob zu verstehen, ja sogar mehr zu wissen scheint, als er preisgibt, ist sein Physiotherapeut Louis (Danny Aiello). Obendrein wird Jacob von Erinnerungen an seinen bei einem Autounfall verstorbenen Sohn und seine erste Frau geplagt, von der er geschieden lebt. Dann tauchen auch noch ehemalige Kameraden aus dem Vietnamkrieg auf und berichten von ähnlichen Visionen. Was steckt bloß hinter alledem? Möglicherweise ein Drogenexperiment der US-Regierung, die experimentelle Psychopharmaka an nichtsahnenden Soldaten erprobte, um ihre Aggressionsbereitschaft zu erhöhen?

Musikalisch kongenial begleitet wird der knapp zweistünde Trip von Maurice Jarre, der in seinem Score auf (zur damaligen Zeit) experimentelle elektronische Sounds statt hollywoodtypisches Bombast-Orchester setzt und dessen Titelthema am Solopiano die Verzweiflung und Einsamkeit des mit seiner Wahrnehmung hadernden Protagonisten spiegelt.

Ich habe den Film nach langer Zeit wiedergesehen – und obwohl ich das Ende schon kannte, vermochte mich Lynes Verfilmung (ein Remake ist bereits abgedreht) abermals zu faszinieren, vor allem auf formaler und schauspielerischer Ebene.

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