Geschichtsklitterung: Mainstreamer haben wieder mal keinen Plan | ZEIT OFFLINE – Teil 6

Auch in Peter Scholl-Latours „Der Fluch der bösen Tat“ finden sich zahlreiche Anekdoten über persönliche Begegnungen mit ranghohen Offizieren, die solche Berichte zu bestätigen scheinen. So erzählt Latour über ein Treffen mit einem ehemaligen Major des Assad-Regimes, der sich irgendwann auf die Gegenseite schlug, für die Oppositionskräfte kämpfte und sich den Decknamen „Suliman“ zulegte (Hervorhebungen durch mich):

„Wie denn das Kräfteverhältnis zwischen der »Freien Syrischen Armee« und den entfesselten Gotteskriegern zu beziffern sei, fragte ich. Etwa sechzig Prozent der Kämpfer könne man der FSA zurechnen, während der Anteil der Jihadisten auf vierzig Prozent geschätzt werde. […] Bei den Jihadisten hingegen seien erprobte und todesbereite Veteranen angetreten, die ihre Erfahrungen des asymetrischen Krieges auf den Schlachtfeldern des Irak, Afghanistans, Kaschmirs, Libyens und sogar des Kaukasus gesammelt hatten. Die meisten von ihnen würden bereitwillig den Märtyertod »auf den Wegen Allahs« als Zugang zu den Gärten des Paradieses auf sich nehmen. Diesen furchterregenden Kriegern gelänge es auch immer wieder, die Waffenlieferungen, die mit Hilfe der CIA und zwielichtigen »contract workers« den gemäßigten Elementen des Aufstandes ein Durchhalten ermöglichen sollen, abzuzweigen und für sich zu beschlagnahmen. Das totale Fiasko der westlichen Subversionsstrategie im nahöstlichen Raum sei enthüllt worden, als die beiden wirklich relevanten Jihad-Organisationen, die »Jibhat el-Nusra« oder »Front des Beistandes« sowie die »Ahrar es-Sham«, die »Befreier Syriens«, sich zusammenschlossen, um einen islamischen Gottesstaat zu gründen. »Sie werden sich wundern, daß ich so unverblümt über unsere hoffnungslose Situation berichte«, weitete Suliman sein Briefing aus. »Aber heute wissen wir, daß wir nur Schachbrettfiguren in einem ‚great game‘ sind.«

Ja, genau das sind sie. Figuren auf dem „Grand Chessboard“.

Seitdem der „Islamische Staat“ in der Region eine breite Blutspur hinterläßt, reißen die Meldungen über ominöse Verbindungen seiner Führungsetage nicht ab – insbesondere über die Hintergründe ihres selbsternannten Anführers und „Kalifen“, Abu-Bakr al-Baghdadi. Das Internet-Magazin „Mother Jones“, 11. Juli 2014: „Was Iraq’s Top Terrorist Radicalized at a US-Run Prison?“ („Wurde der Top-Terrorist des Irak in einem US-geführten Gefängnis radikalisiert?“):

„Ein ehemaliger Lagerkommandant des US-Militärs im Camp Bucca vermutet, ISIS-Chef Abu Bakr al-Badghadis Extremismus könnte in dieser Einrichtung begünstigt (oder verstärkt) worden sein. Im frühen Juli hielt Abu Bakr al-Baghdadi, der Kopf der dschihadistischen Terrorgruppe, die nun als Islamischer Staat bekannt ist – davor firmierte sie als Islamischer Staat im Irak und in Syrien, ISIS – flammende Predigten in Mossul und ernannte sich selbst zum »Kalifen Ibrahim« eines neuen, fundamentalistischen sunnitischen Staates, der vom westlichen und nördlichen Irak bis in den Norden Syriens reicht. Diese Bekanntmachung kam nach monatelangen Kämpfen um Territorium und Scharmützeln mit irakischen Kräften, als ISIS in dutzende irakische Städte einfielen und sie eroberten, inklusive Tikrit, Saddam Husseins Heimatstadt. Kurz, Baghdadi wurde zum prominentesten extremistischen Anführer des Irak. Aber für einen großen Teil seines erwachsenen Lebens hatte Baghdadi nicht den Ruf, ein feuriger dschihadistischer Wegbereiter zu sein. Dem Telegraph zufolge beschrieben Mitglieder seiner lokalen Moschee in Tobchi (einem irakischen Viertel), die ihn von 1989 bis 2004 kannten (als er zwischen 18 bis 33 Jahren alt war), Baghdadi als ruhigen, lernbegierigen Kameraden und talentierten Fußballspieler.

 

Als die Vereinigten Staaten 2003 in den Irak einmarschierten, machte Baghdadi gerade einen Abschluß in Islamstudien in Baghdad. Aber in den nächsten paar Jahren nach der US-Invasion war Baghdadi ein Häftling in Camp Bucca, einem US-geführten Strafgefangenenlager in Umm Qasr, Irak. Und ein US-Kommandant, der in diesem Gefängnis stationiert war – sowie andere Militärbeamte – wunderten sich in den letzten Wochen, ob Baghdadis Aufenthalt dort ihn radikalisierte und auf den Pfad führte, der ihn 2010 ISIS übernehmen und die Bewegung auf ihren jüngsten militärischen Siegeskurs führen ließ. Die Details über Baghdadis Zeit in Camp Bucca sind undurchsichtig. In einigen Medienberichten wurde erwähnt, daß er im Jahre 2004 in diesem Gefängnis für zehn Monate als »ziviler Häftling« festgehalten worden sein soll.

 

Andere berichteten, er sei von US-Kräften 2005 gefangengenommen worden, woraufhin er vier Jahre in Camp Bucca verbracht habe. Der Grund für seine Festnahme ist öffentlich nicht bekannt; er könnte wegen einer bestimmten Anklage oder im Rahmen einer gegen Aufständische und ihre Unterstützer durchgeführten Säuberungsaktion festgenommen worden sein (Ein vertraulicher Bericht des Roten Kreuzes, der im Mai 2004 geleakt wurde, deutete an, 90% der Inhaftierten irakischer Herkunft seien aufgrund »fehlerhafter Anklagen« festgesetzt worden). Army Colonel Kenneth King, der kommandiere Offizier von Camp Bucca im Jahre 2009, erzählte dem Daily Beast [eine Internet-Zeitung, d. Autor] kürzlich, er erinnere sich deutlich an einen Mann, der Badghdadi geglichen habe: »Er war ein übler Typ, aber er war nicht der Schlimmste der Schlimmsten«.

 

King merkte an, er sei »nicht überrascht«, daß solch eine radikale Figur aus dieser Einrichtung stammt. James Skylar Gerrond, eine ehemaliger Sicherheitsoffizier der US-Luftwaffe und Lagerkommandant in Camp Bucca in den Jahren 2006 und 2007, sagte, er glaube, Baghdadis Aufenthalt in diesem Gefängnis habe zu seiner Radikalisierung beigetragen – oder seinen Extremismus zumindest verstärkt. Nachdem Baghdadi den Islamischen Staat als neue Nation und sich selbst als ihren Anführer ausgerufen hatte, tweetete Gerrond, »Viele von uns im Camp Bucca waren besorgt, daß wir, statt nur Gefangene festzuhalten, einen Schnellkochtopf für Extremismus geschaffen hatten«. Gerrond arbeitet nun als Zivilist für das Verteidigungsministerium. Gerrond fügte hinzu, daß US-Militärbeamte, die das Gefängnis leiteten, sich darüber geärgert hätten, daß Inhaftierte in der Einrichtung radikalisiert werden könnten: »Das war etwas, worüber jeder in der Befehlskette in Camp Bucca (und anderen Gefangenenlagern) sich ständig Sorgen machte«. Generalmajor Douglas Stone, der stellvertretende Kommandeur für Häftlingsoperationen im Jahre 2007, sagte Newsweek in diesem Jahr, potentielle Radikalisierungen seien eine »sehr reale Sorge« in Camp Bucca.“

Tweet von James Skylar Gerrond über „Camp Bucca“, Quelle: „Mother Jones“, 11. Juli 2014

In einem Artikel der Online-Zeitung „Vox“ vom 11. Juni 2014 hieß es (Hervorhebung durch mich):

„[…] Ein genauer Blick auf die Gründe des Aufstiegs von ISIS und die Ursachen ihrer momentanen Erfolge deutet eine düstere Zukunft für die Pläne der irakischen Regierung an, die gefährliche Miliz zurückzudrängen. ISIS war vorher bekannt als al-Qaida im Irak (AQI), die führende islamistische Extremistengruppe während des Irakkrieges. AQI kontrollierte beträchtliche Mengen des irakischen Gebietes während des Krieges, bis das US-Militär und allierte sunnitische Milizen sie während der Säuberung nach 2006 zurückschlugen. Aber sie hatten sie nicht zerstört. Michael Knights, Lafer Fellow am Washingtoner Institut für Nahostpolitik und ein obsessiver Beobachter von ISIS, hatte vor dem Wiederauftauchen der Gruppe schon seit geraumer Zeit gewarnt. Im Jahre 2012 wurde er darum gebeten, die US-Nachrichtendienst-Gemeinde über den Zustand der AQI zu briefen.

 

»Es war eine NSA/CIA-Falle«, erinnerte er sich. »Da waren 30 Geheimdienst-Analysten«, die beharrlich leugneten, daß AQI ein Comeback hinlegen könnte. Die Jungs der NSA und CIA lagen falsch und Knights lag richtig. Dafür gibt es zwei Gründe, grob gesprochen: die Inkompetenz der irakischen Regierung und der Bürgerkrieg in Syrien. […] AQI wurde während des Irakkrieges von »den US-Spezialkommandos bis auf die Wurzeln entblättert«, sagt Knights. Im Jahre 2011 fing die Gruppe neu an. Sie konzentrierte ihre Identität um sunnitische Sektiererei, forderte die schiitische Mehrheit heraus sowie die Kontrolle der Regierung über den sunnitischen Teil der Bevölkerung. Knights zufolge spielte die Regierung »direkt in ihre Hände«. Premierminister Nouri al-Maliki »machte die ganze ISIS-Propaganda real, akkurat«. Sie verfolgte Sunniten und nagelte sunnitische Milizen fest, die während des Krieges die AQI bekämpften. Das machte es für ISIS viel, viel leichter, neue Sunniten zu rekrutieren. Aber da hört es nicht auf. Die Regierungen der USA und des Iraks entließen eine große Zahl von al-Qaida-Strafgefangenen aus der Haft, was Knights als »beispiellose Infusion ausgebildeter, vernetzter terroristischer Manpower in einer Größenordnung, die die Welt noch nie gesehen hat« bezeichnete. US-Kräfte führten ausgeklügelte Razzien »jede Nacht des Jahres« durch, und Knights glaubt, daß ihr Rückzug ISIS mehr Atemluft verschaffte.“

Im Juli 2014 tauchten Meldungen auf, al-Baghdadi sein ein „Intelligence Asset“, also von den Geheimdiensten rekrutiert worden. Ein angebliches NSA-Dokument aus dem Fundus Edward Snowdens deute darauf hin. Ob diese Informationen vertrauenswürdig sind, sei natürlich dahingestellt.

Der noch sehr junge deutsche Ableger von RT („Russia Today“), RT Deutsch, berichtete in einem am 21. November 2014 auf Youtube präsentierten Beitrag über die, wie es hieß, unter „mysteriösen Umständen“ ums Leben gekommene Journalistin Serena Shim, die am 19. Oktober verstarb. Wie meinen? Sie haben in deutschen Leitmedien nicht viel darüber erfahren? Warum nicht? Nun, weil die Reporterin über ein merkwürdiges Erlebnis sprach, und zwar im Zusammenhang mit dem NATO-Partner Türkei. Shim, die für „verschiedene Medien über die Kämpfe im syrisch-türkischen Grenzgebiet um Kobane berichtete“, behauptete, es bestünden Verbindungen zwischem dem „Islamischen Staat“ und dem türkischen Militär.

 

Sie sei im Besitz von Filmmaterial, das zeige, „wie die Türkei IS-Kämpfer in Transportern mit dem Logo des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) nach Syrien schmuggelte.“ (Westliche Wahrheitsminister warnen: Konsum von RT Deutsch kann zu ausgeglicheneren Meinungsbildern, diskursiver Vielfalt und differenzierterer Realitätswahrnehmung führen. Bei Kontakt mit Sinnesorganen und Gehirn spülen sie den Kopf bitte unverzüglich mit einer „FAZ“ oder dem „Spiegel“ aus). Manche Leser werden jetzt sicher einwenden wollen: Aber RT wird doch vom Kreml finanziert? Mindert das nicht stark die Glaubwürdigkeit solcher Informationen? Sind das nicht nur osbkure Theorien? Ist das nicht alles Propaganda? Schon möglich, ja. Außerdem ist die Atlantikbrücke ja nur ein Konstrukt zur Steigerung des Badespaßes. Sie ist nur dazu da, von ihrem Geländer Köpper ins azurblaue Nass der reinen geopolitischen Wahrheit machen zu können. Wußten Sie das noch nicht? Na, dann schnell die Badesachen eingepackt und rein ins turbulente Vergnügen!

Der „Tagesanzeiger“ vom 20. Oktober 2014:

„Was passierte mit Serena Shim? […] Noch am Freitag sagte Serena Shim, sie sei vom türkischen Geheimdienst als Spionin beschuldigt worden. Dies vermutlich wegen Berichten, welche sie über mögliche Verknüpfungen zwischen dem IS und der Türkei gemacht habe. Shim sagte damals, sie befürchte, eingesperrt zu werden. Shim erklärte zuvor, sie gehöre zu den wenigen Journalisten, die über Jihadisten schreiben, welche über die türkisch-syrische Grenze in die Konfliktgebiete geschleust würden. Sie sagte, sie hätte sogar Bildmaterial erhalten, welches zeige, wie Militante in Lastwagen von NGOs [»Non-Governmental Organisations«, »Nichtregierungs-Organisationen«, d. Autor] über die Grenze gelangen. Die Türkei hat zu den Vorwürfen von Seiten des iranischen Press TV nicht offiziell Stellung genommen. Shim war amerikanische Bürgerin libanesischen Ursprungs. Sie arbeitete im Libanon, im Irak und in der Ukraine.“

Auf der Homepage von Lew Rockwell (Llewellyn H. Rockwell, Jr.) , eines libertären Kommentators des Zeitgeschehens und „Austrian“, also Anhängers der österreichischen Schule der Ökonomie, erschien 7. Oktober 2014 ein kräftig gepökelter Artikel, der seiner Wut über die endlosen Manipulationen, Täuschungen und Lügen des „Krieges gegen den Terror“ einigermaßen deutlich Luft machte:

„Am 24. September 2014 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution, die einem »Anti-Terror«-Kampf gegen den Islamischen Staat (IS), dem »Netzwerk des Todes«, einem Kampf mit offenem Ende den Weg ebnete, der Ausblick auf einen Krieg gibt, »der Jahre andauern wird«. Der »Krieg gegen den Islamischen Staat« ist eine Lüge. Es ist dieselbe stinkende, große Lüge wie der »Kampf gegen den Terror«, wiederaufgewärmt und aufgefrischt mit neuen, blutigeren Spezialeffekten, neuer Propaganda und einer bekannten, aber überarbeiteten Besetzung dämonischer Bösewichter sowie einem neuen militärischen Angriffskalender. Dreitausend Leben wurden an 9/11 geopfert für den »Krieg gegen den Terrorismus«, gegen »Al Qaida« und Osama bin Laden. Nun, dreizehn Jahre kontinuierlichen imperialen Abschlachtens, viele zehntausend Tote und Grausamkeiten später, wird die Eskalation mit dem »Islamischen Staat« Syrien und den Iran umstürzen und den Irak tansformieren, sowie einen weiteren Vorwand liefern, überall dort Unheil anzurichten, wo das Imperium es wünscht.

 

Aber es ist dieselbe Lüge, basierend auf denselben Propaganda-Ecksteinen: dem Mythos des »Feindes von außen«, der Bedrohung durch den »islamischen Terror«, ewige Vorwände, um die öffentliche Meinung hinter einer anglo-amerikanischen Agenda der Eroberung und des Krieges zu versammeln, die niemals aufhören wird. Es ist dieselbe Lüge, fußend auf der Idee, »islamische Terroristen« wären die Feinde des Westens, obwohl doch, von bestens dokumentierten Fakten untermauert, diese Terroristen die feinsten Fußsoldaten und militärisch-geheimdienstlichen Agenten des Westens sind. Der Islamische Staat, ebenso wie Al Qaida und alle Entitäten, die den »Islamischen Jihad« bilden, ist eine Schöpfung der CIA und der anglo-amerikanischen Geheimdienste (Pakistans ISI, saudische Geheimdienste, der britische MI6, der israelische Mossad etc.). Die verschiedenen dschihadistischen Milizen und militärisch-geheimdienstlichen Agenten und Fronten – IS, Al-Qaida, Al-Nusrah etc. – sind »Made in America«, offen unterstützt und instrumentalisiert durch die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten, so wie es vom Ende des Kalten Krieges bis zu dieser Sekunde der Fall war.

 

Diese Kräfte sind sorgfältig manipulierte und geführte Waffen für die US-NATO. Terroristen sind entscheidend für die fortgesetzten, US-geführten verdeckten und offenen Operationen in Syrien. Von den USA und der CIA geführte Terroristen, die Libyen destabilisierten und kippten, sind integraler Bestandteil kommender Regimewechsel. Unter direkten als auch indirekten Befehlen von US-NATO-Sponsoren und Handlern sind und bleiben diese »dämonischen Horden« die führenden militärisch-geheimdienstlichen Assets hinter jedem großen geostrategischen Ereignis in dieser Region. Der IS verbündet sich mit Al-Qaida zum »Buhmann« und Ziel des Tages. Der Krieg verschleiert die wahren Absichten – die Umstürze in Syrien, im Iran und darüber hinaus. Die »Terroristen« werden in der Propaganda entweder als Bösewichter oder »Freiheitskämpfer« dargestellt, abhängig vom Tagesgeschehen und dem militärischen Szenario. Die schrecklichen Taten der Todeskommandos, inklusive Enthauptungen und anderer Grausamkeiten, entsprechen dem standardmäßigen Vorgehen verdeckter Operationen der CIA, Terrortechniken, die bis zum Vietnamkrieg und dem Phoenix-Programm zurückreichen und auf Anweisung der Vereinigten Staaten oder mit ihnen verbündeter militärisch-geheimdienstlicher Organisationen ausgeführt werden. Enthauptungen syrischer Zivilisten gibt es schon seit Jahren – beschwiegen von den Medien. Die jüngste Flut von Enthauptungen amerikanischer und britischer Bürger wurde selektiv durchgeführt (und in einigen Fällen inszeniert), nämlich zu Propagandazwecken. Politisches Theater, das entworfen wurde, um dämliche, ignorante Massen dazu zu bringen, massive Vergeltungskriege zu unterstützen“.

Auch das Syrien-Kapitel soll, Sie erraten es sicher schon, mit einem kräftigen Schluck aus der Buddel mit hochprozentigem realpolitischem Surrealismus begossen werden. Vom CFR, also dem „Council on Foreign Relations“, war in diesem Buch ja schon mehrmals die Rede. Es handelt sich um eine der wichtigsten, manche behaupten sogar, die wichtigste Denkfabrik zur Ausarbeitung außenpolitischer Leitlinien. Das CFR gibt auch eine eigene Zeitschrift heraus, „Foreign Affairs“, die natürlich auch eine eigene Webseite betreibt.

 

Auf eben dieser erschien am 6. August 2012 ein Artikel, der – mir das zu glauben, wird ihnen zweifellos schwerfallen, Sie können es unter der Fußnote jedoch selber nachlesen – die Unterstützung syrischer Rebellen durch Al-Qaida-Kräfte als willkommenen Einfluß bezeichnete. Nein, Sie haben sich nicht verlesen. Und ich mich auch nicht verschrieben. In einem Artikel der Webseite des Rates für auswärtige Angelegenheiten, der – wir erinnern uns an die in diesem Buch zitierten Äußerungen Hillary Clintons – selbst führenden US-Politikern erklärt, wie sie die Zukunft und die Welt sehen sollten, wurde die Terrorgruppe Al-Qaida, die am 11. September 2001 dreitausend Amerikaner in einem feigen, hinterhältigen Angriff kaltblütig gemeuchelt haben soll, in Syrien plötzlich als herzlich willkommener Einfluß zur Stärkung der „Moral“ des Widerstandes gegen das Assad-Regime begrüßt. Hallo, ihr Meuchelmörder. Ja okay, ihr habt an 9/11 ein Wahrzeichen von New York zerstört und dabei knapp dreitausend unserer Landsleute abgemurkst, hieß es, und ja, ihr seid angeblich die größte Bedrohung des Westens seit RTL2 oder der „Bild“-Zeitung, eine Nemesis, die unbedingt aufgespürt und, wie unser Ex-Präsident George W. Bush einmal sagte, gnadenlos ausgemerzt werden muß, aber nun gut, ihr scheint euch seitdem ja etwas gebessert zu haben. Außerdem tanzt ihr in Syrien ganz nach unserer geostrategischen Pfeife, na, da wollen wir mal nicht so sein. Prösterchen! Haut weg! Und viel Erfolg bei der Destabilisierung Syriens!

Damit sei der kleine Ausflug nach Syrien beendet. Verwirrend, dieses ganze Kuddelmuddel, ist es nicht? Aber genau das kommt eben dabei heraus, wenn man sich unentwegt in die Affären anderer Länder einmischt; wenn man glaubt, durch Finanzierung und Bewaffnung einer bestimmten Partei bestehender, oftmals sehr fragiler bis hochvolatiler politischer, religiöser und territorialer Kräfteverhältnisse ein Ergebnis erreichen zu können, das den eigenen geopolitischen Zielsetzungen entspricht. Diesen Vorwurf muß man selbstverständlich allen „dominanten geopolitischen Spielern“ machen, die Einfluß auf solche Konflikte nehmen. Vom Tauziehen der großen Predatoren der Weltpolitik und -geschichte werden meistens Unschuldige stranguliert – Menschen, die völlig unverschuldet und ungewollt zwischen die Fronten von Auseinandersetzungen geraten, die in den in diesem Buch diskutierten Fällen gar nicht von den Regierungen ihrer Heimatländer verschärft wurden, sondern von außen. Wie lange, muß man sich fragen, soll dieses Treiben eigentlich noch so weitergehen?

 

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