Internet: Freiheit ist Papier – Freitext

Die Freiheit beschränkt sich auf die analoge Welt: Anrufe auf Festnetztelefone und Briefe auf Papier. Hundegebell ist ein Frühwarnsystem, das sich nicht knacken und ausschalten lässt. Wenn du deine Zeitung auf Papier liest, liest sie zumindest nicht gleichzeitig dich.

Quelle: Internet: Freiheit ist Papier – Freitext

Freiheit ist Papier. Das stimmt sogar, bedeutet Papier schließlich auch die Freiheit, jeden noch so naiven Mentalmüll und dürftigen Dünnpfiff in Form syntaktisch wohlgeordneter Bremsspuren auf dem seit tausenden von Jahren beliebten Faserflies aus pflanzlichen Rohstoffen zu arrangieren. So wie in diesem Elaborat aus Hamburg-Mülleimer, erschienen in der verlorenen „Zeit“, dem Armbeugenschoner für Baskenmützenträger und Schwarzrollkragenpulloveristen in Bioblödheitsbiotopen irgendwo zwischen hippem Straßencafé, Szene-Restaurant und Tiefschul-Caféteria. Sorry. Konnte mich nicht beherrschen. Manchmal kommt’s einfach über mich.

Aber wissen Sie, wenn Grenzdebilität oder solche, die sämtliche Grenzen offensichtlich längst hinter sich ließ, so geballt und hochkonzentriert auftritt wie in diesem „Artikel“, fühle ich mich fast schon tätlich angegriffen und dann habe ich auch das Recht, mich zu wehren. Das kann ja so nicht stehenbleiben.

Wenn Sie also Zeitung auf Papier lesen, glaubt der Autor dieser Groteske vom 3. Juli 2018, liest diese den Leser zumindest nicht gleich mit. Womit er auf die – womit er ja auch nicht ganz Unrecht hat – in der Überwachungstat erschreckenden Kontrollkapriolen moderner elektronischer Massenkommunikation anspielt. Nun gut, erfrischend neue ist diese Erkenntnis nicht. Der letztes Jahr verstorbene NWO-Meisterstratege Zbigniew Brzezinski schrieb schon Mitte der 70er Jahre in seinem Buch „Between Two Ages: America in the Technetronic Era“, es sei in naher Zukunft möglich, die Bewegungen eines jeden Menschen quasi in Echtzeit zu überwachen, ihm Schritt auf Tritt zu folgen, sämtliche seiner Daten zu erfassen und somit umfassende Profile über die Steuer-Kunta Kintes auf der globalkorporatistischen Sklavenplantage zu erstellen. Soweit alles richtig und auch längst gang und gäbe.

Zweitens gibt die sich qualitätsfördernd wähnende Journaille ja ohnehin schon seit geraumer Zeit keine vergammelte Bohne mehr darauf, was Leser denken. Was man eben auch so formulieren könnte, daß die Fischröckchen ihre Leser nicht mitlesen. Hab‘ ich nix dran auszusetzen. Und falls doch, beschränken sich die Wahrheitsministerialbeamten des veröffentlichten Meinensollens ohnehin nur noch auf stalinistische Säuberungsfloskeln wie „Bitte vermeiden Sie Verschwörungstheorien!“, „Beitrag entfernt, da unsachlich!“ (lies: „Wir dürfen doch bitten! Sowas will der Führer nich‘ lesen!“) oder „Aus technischen Gründen mußten wir die Kommentarspalte leider schließen“ (lies: „Die Meinung der Leser entsprach leider nicht dem Parteiprogramm, was zufällig zu schweren Kabelbränden in unseren Serven führte, kein Quatsch!“).

Wie dem auch sei, ich wüßte halt nur gerne, welche halluzinogenen Drogen man sich eigentlich einwerfen muß – vor allem, wieviel davon – um der kruden Idee zu verfallen, Papier bedeute mehr Freiheit als seine digitale Variante aus recht turbulent durch die globalen Kabelnetze kursierenden Elektronen im World Wide Web. Muß man sich reintun: nach all den goldenen Hirnschüssen an Postfaktizität, mit denen die alpha-Journüttchen der KPdSU (Kaderpresse der Sowestunion) ihre Schutzbefohlenen (geschützt vor Neutralität, Ausgewogenheit, Fairness, Faktentreue, Seriösität und Qualität) mehr und mehr in Scharen vertrieb, besitzen manche tastsächlich noch die Chuzpe, von einer Art „Freien Presse“ zu reden.

Nun gut. Auch das ist ja kein neues Krankheitsbild.

Sagt Ihnen der Name John Swinton (*12.12.1829, † 15.12.1901) etwas? Er war ein amerikanischer Journalist, Publizist und Leitartikler für die New York Times. Große Berühmtheit erlangte er vor allem für einen kleinen „Ausbruch“, bei dem er darob völlig verdutzten und sprachlosen Journalistenkollegen gehörig den Kopf wusch. Anlaß? Am 12. April 1883 trafen sich führende Vertreter der US-Presse im sogenannten „Twilight Club“, einer regelmäßigen Veranstaltung, die in besagtem Jahr im D’Orville’s Restaurant in New York abgehalten wurde und auf der über bestimmte Tagesthemen diskutiert wurde. Teilnehmer sollten Reden halten, die auf maximal fünf Minuten begrenzt waren. Als es um „Dinge, die ein Herausgeber normalerweise nicht zu besprechen wagt“ ging sowie die „Unabhängigkeit der Presse“ zur Sprache kam, hob Swinton zu einer kleinen Philippika an, die es in sich hatte – und die heutigen Lesern, obschon mehr als ein Jahrhundert (!) zurückliegend, sicher melancholische Gefühle bescheren dürfte:

So etwas gibt es bis zum heutigen Tage nicht in der Weltgeschichte, auch nicht in Amerika: eine unabhängige Presse. Sie wissen das, und ich weiß das. Es gibt hier nicht einen unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben. Und wenn er es täte, wüsste er vorher bereits, dass sie niemals im Druck erschiene. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, dass ich meine ehrliche Meinung aus dem Blatt, mit dem ich verbunden bin, heraushalte. Andere von Ihnen erhalten ähnliche Bezahlung für ähnliche Dinge, und wenn Sie so verrückt wären, Ihre ehrliche Meinung zu schreiben, würden Sie umgehend auf der Straße landen, um sich einen neuen Job zu suchen. Wenn ich mir erlaubte, meine ehrliche Meinung in einer der Papierausgaben erscheinen zu lassen, dann würde ich binnen 24 Stunden meine Beschäftigung verlieren. Das Geschäft der Journalisten ist, die Wahrheit zu zerstören, durchweg zu lügen, die Wahrheit zu pervertieren, sie zu morden, zu Füßen des Mammons zu legen und sein Land und die menschliche Rasse zu verkaufen zum Zweck des täglichen Broterwerbs. Sie wissen das, und ich weiß das, also was soll das verrückte Lobreden auf eine freie Presse? Wir sind Werkzeuge und Vasallen von reichen Männern hinter der Szene. Wir sind Marionetten. Sie ziehen die Strippen, und wir tanzen an den Strippen. Unsere Talente, unsere Möglichkeiten und unsere Leben stehen allesamt im Eigentum anderer Männer. Wir sind intellektuelle Prostituierte.“

Das war’s. Keine Lust mehr, mich mit Hamburger Dummheiten länger als unnötig herumzuplagen. Lassen Sie sich keinen Bullshit als Qualität andrehen und genießen Sie diesen schönen, sonnendurchfluteten Sommertag. Geh’n Sie’n Eis essen, füttern Sie Enten im Park – echte Enten, mein‘ ich, nicht Zeitungsenten wie die hier von mir höchst vergnüglich demontierte der verlorenen „Zeit“ – machen Sie ihren Kindern eine Freude, besteigen Sie doch mal wieder die Gattin oder sonstwas. Mir wurscht. Hauptsache, sie empfinden Freude dabei, sind glücklich und genießen Ihr Leben. Ich bin ja schon von Berufs wegen leider dazu verpflichtet, den Müll rauszutragen, der tagtäglich von den Massenlobotomedien dieses Landes über nichtsahnenden Menschen ausgekübelt wird.

Schreibe einen Kommentar