Kind des Staates, Mann des Krieges – Lew Rockwell

Der Artikel von Karen Kwiatkowski erschien am 28. August 2018 auf Lew Rockwells Website. Übersetzung durch Axel B.C. Krauss. 

Nun ist John Sydney McCain, III. ein Kadaver in einem Leichenschauhaus, der auf sein Staatsbegräbnis wartet. Vielleicht ist es zum ersten Mal in seinem gesamten Leben so, wie es sein sollte. 

McCain – der heilige Schrecken der Teenager und Kadett von der Naval Academy, tollkühner Pilot und Posterboy für den Horror im Anlitz des sich auftürmenden Feindes, dem wir für unser Überleben als Republik in Vietnam entgegentraten, politisches Alphatier für die längste Zeit seines Lebens – offensichtlich war er in dieser Welt nicht zuhause. 

In einer Welt, gefüllt mit Leuten, die alle täglich zur Verantwortung gezogen werden für ihre Entscheidungen, Handlungen und für den Schmerz, den sie verursacht haben oder noch werden, ließ McCain seine Stellung im Stich.

Stattdessen war sein Weg – als Sohn eines erfolgreichen Marine-Offiziers – nicht ganz sein eigener, und doch wählte er ihn immer wieder. Seine größte Tragödie mag gewesen sein, daß er Namenspatron einer angesehenen Militärfamilie war. Das Leben seines jüngeren Bruders Joe Pinckney McCain ist gewiß Zeugnis dafür, daß allein die Tatsache, in den Staatsdienst geboren zu werden, nicht zwangsläufig den Tod so vieler Menschen über so lange Zeit zur Folge haben muß. 

Auch wenn es Versagen und Charakterschwächen in allen Familien gibt: treten sie im wichtigen Kapitel des nationalen Narrativs namens „Militärischer Heroismus und Aufopferung im Namen nationaler Größe und Sicherheit“ auf, muß dagegen etwas unternommen werden. 

Und was wurde getan? Bühnenrequisiten, Propaganda und Prosa wurden reichlich verteilt, und unsere Propagandisierung und Prosaisierung bis zum Abwinken ist noch nicht vorbei. Das Begräbnis steht bevor.  

Obwohl viel über John McCain geschrieben wurde, sind es die Geschichten, die uns nicht erzählt wurden, die den meisten Leuten Sorgen machen. Wie er es durch die Akademie schaffte auf Steuerzahlerkosten unter einer Vielzahl von schlechter Noten und schwacher akademischer Leistung, wie er Kriegsgerichte umging und eine Entlassung aus der Navy nach den ersten zwei Flugzeugabstürzen vermied und durch Telefonleitungen in Spanien flog, bis hin zu den interessanten Funktionen, die er an Deck der USS Forrestal spielte, bevor und nachdem sie niederbrannte. 

Die Geschichte des abgeschossenen Piloten, wahrscheinlich durch „Friendly Fire“, also eigenes Feuer, seine darauffolgende Gefangennahme und Folter durch die „Nord“-Vietnamesen (ein staatliches Konstrukt ganz eigener, unnachahmlicher Art …), wird nur selten im Detail erzählt, sondern in der offiziellen Version unter „Mut“ verbucht. Die Scheidung von seiner ersten Frau und die Kluft zwischen ihm und seiner ersten Familie – verständlich angesichts dessen, was Krieg, Trennung und der Stress militärischen Zusammenlebens menschlichen Wesen zufügen – wird nicht diskutiert. Noch die persönlichen, politischen und finanziellen Machinationen, die zu seinem ersten Sitz im Kongress führten und ihm kurz danach einen Posten im Senat für Arizona sicherten, ein Amt, das er bis zu diesem Wochenende inne hatte. 

Von seiner Rettung des A-10-Warthog-Programms, dessen natürlichen Tod er verweigerte – ironischerweise dasjenige Kampflugzeug, das für den meisten freundlichen Beschuß und zivile Tote bekannt ist – darüber, Obamacare vor dem Auseinanderbrechen bewahrt zu haben, bis zur zuverlässigen Unterstützung von Projekten für Regime Changes im Ausland und all das, während er daheim einen auf kleiner Flamme kochenden, aber beständigen Krieg gegen Freiheit und Verfassung führte, war McCain ein beschäftigter Mann, ein gut vernetzter, gut finanzierter Politiker. 

Die Taten McCains als Senator sind Legion, und während Leute aus unterschiedlichen politischen Richtungen zweifellos das eine oder andere in seiner progressiven, neokonservativen Kriegstreiber- und staatsstärkenden Agenda aus über drei Jahrzehnten finden werden, was man lobend hervorheben könnte, verdiente er in Wirklichkeit keine Loyalität. Dieser glühende, zugleich merkwürdig surreale Nachruf von Jeff Goldberg im linksgerichtet-progressiven und kriegshetzerischen „Atlantic“ sagt schon alles – und alles falsch. 

Goldberg sieht Gemeinsamkeiten zwischen John McCain und Anne Frank – er zeichnet ihn als jemanden, der ein Herz für Underdogs hätte und einen tief verankerten moralischen Kompass. John McCains Leben zu studieren, könnte einen zu vielen Schlußfolgerungen führen, aber daß er sich um Benachteiligte gekümmert hätte oder von einer tiefen, fest zementierten Moralität geleitet worden wäre, gehört gewiß nicht dazu. 

Ein besserer Weg, John McCain zu beschreiben, wäre, ihn so zu sehen, wie er wirklich war und zu erkennen, was er  nie abschütteln konnte, auch wenn man sich fragen könnte, ob er in seinen schwermütigen Momenten davon geträumt haben mag. Er war ein Kind des Staates, vor allem des Militärstaates. Er war Namenspatron von Männern, die für den Staat kämpften, ihre Prinzipien und Familien für den Staat opferten; er wurde vom Staat gelehrt, sowohl in den vielen militärischen Grundschulen, in die er als Kind ging, dann von der Marine-Akademie, später der US Navy, noch später sogar einem Gefangenenlager – und an all diesen Orten wurde John McCain behandelt – und abgehandelt – auf eine Art, die dem Durchschnitts-Joe unbekannt sein dürfte. In jeder Weise verdankte er sein Leben und seine Freiheit der Tatsache, daß er tief mit den Eliten verbunden war, die die leuchtenden Nutznießer des Amerikanischen Imperiums bilden. 

Später, als altgedienter Senator und Präsidentschaftskandidat, wurde er auf seine ganz eigene Art zu einem von ihnen und verdiente sich redlich jeden Tropfen der Verachtung seitens denkender Menschen – und jeden Applaus von staatlichen Sprachrohren. 

Ich werde nie eine Geschichte vergessen, der zufolge McCain in der Privatheit eines Aufzuges (zusammen mit einigen Leuten, die nicht als Zeugen zählten) einem anderen Senator wiederholt in die Brust piekste, während er sein Argument vorbrachte und/oder seinen Untergebenen einschüchterte. Selbst als er an der Akademie boxen lernte, sollte er, wie Robert Timburg schreibt, „sich in die Mitte des Rings stellen und Schläge austeilen, bis irgendjemand zu Boden ging.“ Für ein Landesnarrativ, das physischen Mut und Hüftschüsse liebt, war McCain förmlich maßgeschneidert. 

Timburg war in seiner Schreibe bezüglich McCains außerordentlich hellsichtig. McCain war „… ein inoffizieller Alphatier für eine wollüstige Bande von Säufern und Partygängern, bekannt als Bad Bunch.“ Diese wollüstige Bande von Säufern und Partytieren haben wir unseren Leben schon zuvor gesehen. Wenn diese Bande über Jahrzehnte vorherrscht und ein Imperium regiert, liegt das daran, daß sie ständig geschützt sind vor den Konsequenzen ihrer eigenen Entscheidungen und Handlungen. 

Joe McCain, Johns jüngerer Bruder, nahm einen anderen Weg, auf dem er nicht reich oder mächtig wurde, auf dem er verantwortlich wäre für seine Entscheidungen und Taten. Er wird in der Presse nicht gelobt, sondern wurde sogar lächerlich gemacht, als er – als Bruder John sich 2008 für das Präsidentenamt bewarb – 911 anrief, um herauszufinden, was in einem Stau auf der Wilson Bridge vor sich ging. 

Beide waren Kinder des Staates. Joe rief 911 unschuldsvoll an – warum auch nicht, sind sie doch dazu da, mir zu dienen! John ließ die Hölle auf Regierungen und Bevölkerungen rund um den Globus herniederregnen, inklusive seiner eigenen und aus ähnlichen Gründen. Es ist Teil einer Anspruchsmentalität, und sie ist ebenso verständlich wie zutiefst unmoralisch. 

Zu John McCains Lebenszeit wuchs die US-Regierung auf das Vierfache an Größe und Umfang an, während das Vertrauen des Volkes in die Regierung kollabierte. Lösungen für lokale und globale Probleme sind heutzutage jedenfalls weitaus zugänglicher für weitaus mehr Menschen. Heute würde niemand mehr 911 für einen Verkehrsbericht anrufen, wenn man in seinem Auto Echtzeit-Verkehrsüberwachungssysteme hat und eine Menge produktiver Sachen, die man während des Wartens erledigen kann. Technologie und die menschliche Natur favorisieren Dezentralisierung und Individualismus, wo immer sie sie kriegen können, sie bevorzugen Freiheit über Märsche im Stechschritt in mit Spucke geputzten Stiefeln und Gürteln, die der junge John an der USNA so sehr ablehnte. Vielleicht hatte er doch eine Vorahnung, was die Zukunft betrifft. 

Schreibe einen Kommentar