Wir sind jetzt alle Spekulanten

Der Artikel von Charles Hugh Smith erschien am 17. September 2018 auf seinem Blog. Übersetzung durch Axel B.C. Krauss. 

Quelle: Of Two Minds – We’re All Speculators Now

Wenn die Herde von der Klippe donnert, sind die meisten Teilnehmer im Massensturm gefangen …

Einer der gravierendsten Konsequenzen der „Rettung der Welt“ durch Zentralbanken (lies: Rettung von Banken und Superreichen) ist die Zerstörung von Niedrigrisiko-Investments: wir sind jetzt alle Spekulanten, ob wir es wissen oder nicht oder auch nur zugeben wollen. 

Das Problem ist, daß nur sehr wenige von uns über die Expertise und Erfahrung verfügen, erfolgreiche Spekulanten zu sein, d.h., auf beinahe heimtückische Weise hochriskante Märkte erfolgreich zu managen. Die Wahl, der sich Geldmanager von Pensionsfonds sowie Individuen gegenübersehen: entweder, man investiert in sichere Niedrigrisiko-Werte wie z.B. Staatsanleihen und verliert jedes Jahr Geld, da die Erträge noch nicht mal die Inflation aufwiegen, oder man akzeptiert die außerordentlich großen Risiken von Boom-Bust-Blasenwerten wie Junk Bonds, Aktien, Immobilien etc. 

Der „Kern“-Vermögenswert der Mittelklasse ist das familiäre Eigenheim. In der „Prä-Finanzinstrumenten-Ära“ (vor 1982) war ein Hauskauf und die Abzahlung der Hypothek, um Eigenheim-Kapital aufzubauen, das Äquivalent zu einem Sparbuch – mit dem zusätzlichen Bonus einer möglichen Aufwertung über die Zeit, wenn man das Haus in einer gefragten Region gekauft hatte. 

In den späten 1990er Jahren war der stabile, langweilige Markt für Hypotheken voll finanzinstrumentalisiert und globalisiert, wodurch sich ein relativ sicherer Investment- und Schuldenmarkt in eine spekulative Handelsware verwandelte. Wir alle kennen die Folgen: mit der Explosion des einfachen Zugriffs auf unbegrenzten Kredit durch HELOCs („Home Equity Lines of Credit“), Lügenkredite (undokumentierte Hypotheken), Refinanzierung etc. blähte sich die Menge an hochriskanten Krediten im Häusermarkt zu einer gewaltigen Blase auf, die folgerichtig platzte – so wie es irgendwann alle Schuldgeld-Assets tun – und das mit verheerenden Konsequenzen für jeden, der damit gerechnet hatte, sein Erfolg in einem aufsteigenden Markt sei ein dauerhafter Vorteil einer Ära oder ein Beweis für sein finanzielles Genie. 

Hochvolatile Spekulationsblasen sind notorisch demütigend, sogar für erfahrende Händler. Zu niedrigem Preis kaufen und hohem verkaufen klingt simpel, aber wenn die Herde rennt und animalische Instinkte euphorisch werden, verlassen nur die diszipliniertesten Spekulanten und die wenigen Glücklichen, die verkaufen müssen, die Blase kurz vor dem Platzen. 

Die „Sicherheit“ von Investments in Immobilien, auch gewerbliche, Aktien, Unternehmensanleihen, Schwellenmärkte etc. ist illusorisch: sie sind heute inhärent riskante Märkte, und es ist schwierig, diese Risiken einzudämmen (Nicht viele Teilnehmer wissen, wie man sich gegen Risiken des Häusermarktes oder gewerblicher Immobilien absichert usw.). 

In einem Umfeld, in dem Teilnehmer reich für den Glauben belohnt wurden, daß die „Fed einen raushaut“ – soll heißen: Zentralbanken werden Risikowerte niemals fallen lassen, weil sie verstehen, wie Pensionsfonds, Versicherer, Banken etc. ticken und daß diese implodieren werden, sollten die Risikowerte-Blasen platzen – erkennen nur wenige die Notwendigkeit, sich mit Absicherungen zu beschäftigen, denn die kosten Geld und reduzieren Gewinne. 

Als Folge davon sind nur wenige Teilnehmer voll abgesichert. Die meisten stehen vor den Risiken splitterfasernackt da, und wenn die Flut abebbt, werden wir wissen, wieviele Leute wirklich gegen platzende Blasen geschützt sind. 

Finanzmärkte verlaufen naturgemäß nicht linear, daher sind voraussagbar steigende Märkte eher atypisch. Finanzmärkte sind wesenhaft nichtlinear, was bedeutet, daß die Dynamiken miteinander vernetzt sind und anfällig für asymetrische Ereignisse, in denen ein kleiner Anlaß ein übersteigertes Ergebnis wie z.B. einen Crash auslösen kann. 

In der Fantasiewelt, die durch Zentralbank-Stimulus geschaffen wurde, fallen Märkte nie und Volkswirtschaften gleiten nie in die Rezession ab. Das Finanzingenieurswesen hat die Risiken ausradiert. Aber die Dynamiken interagieren auf eine Weise miteinander, die nicht kontrolliert werden kann. Wenn die Inflation weltweit steigt, sind Zentralbanken gezwungen, Zinsraten und Erträge zu „normalisieren“ – und der politische Druck wächst, mit der Rettung von Banken und Superreichen aufzuhören. 

Alle spekulativen Märkte lassen irgendwann ihre Luft ab, egal ob langsam oder plötzlich, was von den marginalen Käufern und Verkäufern abhängt. Je unruhiger die marginalen Teilnehmer sind, desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß die Spekulationsblase mit einer Plötzlichkeit platzen wird, die den Großteil der Marktteilnehmer überraschen wird. 

Werfen Sie einen Blick auf die Aktienbewertungen als Prozente am Bruttoinlandsprodukt, also der Realwirtschaft: Aktien haben ganz klar eine Blase gebildet. 

Der nationale Case-Shiller Häuserpreis-Index: Blase. 

Der Case-Shiller Häuserpreis-Index von Seattle: Superblase.

Der Case-Shiller Häuserpreis-Index in Dallas: Superduper-Blase. 

Sie erkennen es schon: praktisch jede angeblich niedrigriskante Vermögensklasse ist tatsächlich eine superriskante, supergefährliche Blase. Spekulation treibt die Bewertungen weit über finanzielle Vernunft hinaus, weil wir Herdentiere sind und schnelle Gewinne unsere Gier hyperventilieren lassen, vor allem, wenn wir dabei zusehen dürfen, wie alle möglichen Leeute, die es eigentlich gar nicht verdient hätten, atemberaubende Vermögen dadurch anhäufen, einfach nur mit den Wölfen zu heulen. 

Wenn also die Herde das Kliff runterdonnert, werden die meisten Teilnehmer im Getrampel feststecken. Nur sehr wenige sind weit vor der Klippe ausgestiegen, noch weniger werden geduldig darauf warten, daß der Staub sich legt, bevor sie wieder Geld in Aktivposten stecken. 

Risiko hat die Gabe, sich vor aller Augen zu verstecken. Nur wenige Leute achten darauf, und noch weniger erkennen es. Nur ein Handvoll handelt danach. 

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