Zur Geschichte der „Illuminati“ – Teil 1

Der Orden der Illuminaten – Versuch einer Annäherung

„Es war nicht meine Absicht anzuzweifeln, die Doktrinen der Illuminaten und die Prinzipien des Jakobinismus hätten sich nicht in den Vereinigten Staaten ausgebreitet. Im Gegenteil, niemand ist zufriedener damit, als ich es bin. Was ich vermitteln wollte, war, daß ich nicht glaube, die Freimaurerlogen dieses Landes, als Gesellschaften, hätten versucht, die diabolischen Glaubenssätze ersterer zu propagieren oder die bösartigen Prinzipien letzterer (falls man sie überhaupt voneinander unterscheiden kann). Daß Einzelne von ihnen dies getan haben mögen, und daß der Gründer, oder das Werkzeug zur Gründung der Demokratischen Gesellschaften in den Vereinigten Staaten, diese Ziele gehabt haben mag – und tatsächlich eine Trennung der Menschen von ihrer Regierung im Auge hatte, ist zu offensichtlich, um bezweifelt zu werden.“

(Dieses Zitat George Washingtons entstammt einem Briefwechsel mit G.W. Synder aus Maryland. Es wird auf den 24. Oktober 1798 datiert.)

Im Jahre 1798 erschien ein Buch mit dem etwas langatmigen Titel – bitte holen Sie tief Luft: „Proofs of a Conspiracy against all the Religions and Governments of Europe, carried on in the Secret Meetings of Free Masons, Illuminati, and Reading Societies, collected from good Authorities“. Oder auf Deutsch: „Beweise für eine Verschwörung gegen alle Religionen und Regierungen Europas, fortgeführt auf Geheimtreffen der Freimaurer, Illuminati und Lesegesellschaften, gesammelt von glaubwürdigen Autoritäten“. Jesses nee. Autor der Schrift war ein gewisser John Robinson, der zu Beginn seiner Abhandlung einige Einblicke in die Freimaurerei gibt und wie es zu seinen Enthüllungen kam.

„Als ich mich während des Sommers 1795 im Haus eines Freundes auf dem Land aufhielt, sah ich dort eine Ausgabe eines deutschen Periodikums namens »Religiöse Begebenheiten«; es enthielt eine Aufzählung der verschiedenen Spaltungen in der Bruderschaft der Freimaurer, mit regelmäßigen Anspielungen auf den Ursprung und die Geschichte dieser gefeierten Verbindung. Diese Auflistung interessierte mich einigermaßen, denn in jungen Jahren hatte ich Anteil an einigen der Beschäftigungen der Freimaurerei; und da ich hauptsächlich die Logen des Kontinents besucht, viele Doktrinen gelernt und eine Menge Zeremonien gelernt hatte, die im einfachen System der Freimaurerei, wie es in diesem Land praktiziert wird, keinen Platz haben. Mir fiel außerdem auf, daß das Ganze in viel größerem Ausmaß Gegenstand von Reflektion und Nachdenken war, als ich mich hinsichtlich meiner entsprechenden Bekanntschaften damit daheim erinnern konnte. Dort hatte ich eine Maurerloge lediglich als Vorwand dafür erlebt, eine Stunde oder zwei an einem Ort honoriger Geselligkeit zu verbringen, obwohl nicht frei von einiger sinnvoller Tätigkeit.

Ich hatte gelegentlich von Differenzen zwischen Doktrinen und Zeremonien gehört, aber auf eine Weise, die sie als bloße Frivolitäten kennzeichnete. Auf dem Kontinent aber stellten sie sich mir als Anliegen seriöser Überlegung und Debatte dar. […] Ich wurde in einer prächtigen Loge in Liege initiiert, in der auch der Fürstbischof, seine Tréfonciers und die Noblen des Staates Mitglieder waren. Ich besuchte die französischen Logen in Valenciennes, in Brüssel, in Aix-la-Chapelle, in Berlin und Königsberg; und ich sammelte einige gedruckte Abhandlungen, die von den Bruder-Oratoren der Logen verfaßt worden waren. In St. Petersburg verband ich mich mit der englischen Loge und besuchte hin und wieder auch die dortigen deutschen und russischen Logen. Ich erlebte, wie ich besonders respektvoll als schottischer Freimaurer aufgenommen wurde sowie als Schüler der Lodg de la Parfaite Intelligence in Liège. Ich wurde von Leuten höchsten Ranges darauf gedrängt, meine freimaurerische Karriere durch viele Grade, die in diesem Land unbekannt sind, weiterzuverfolgen. Aber all die Pracht und Eleganz, die ich sah, konnten eine diesen in jedem Teil eignende Frivolität nicht verbergen.

Sie erschienen wie ein haltloses Gefüge, und ich konnte mir nicht vorstellen, an Okkupationen teilzunehmen, die viel meiner Zeit konsumieren, mich eine ganze Menge Geld kosten und womöglich etwas von dem Fanatismus, oder zumindest Enthusiasmus, den ich in anderen Logen gesehen hatte, entflammen würden und die ich als frei von jeder rationalen Grundlage ansah. Ich blieb deshalb in der englischen Loge, zufrieden mit dem Rang eines schottischen Meisterfreimaurers, der mir zum Teil in einer privaten Loge französischer Freimaurer aufgenötigt wurde, den es in der englischen Loge aber nicht gibt. Mein freimaurerischer Rang verschaffte mir Zutritt zu einem sehr eleganten Entertainment in der weiblichen Loge de la Fidélité, wo jede Zeremonie in höchst eleganter Weise konzipiert war, alles mit dem feinfühligsten Respekt für unsere redlichen Schwestern durchgeführt wurde und das alte Lied brüderliche Liebe mit höchstem Gefühlsausdruck gesungen wurde. Ich nehme nicht an, daß die Pariser Freimaurerei mit fünfundvierzig Graden mir besser unterhalten könnte. Ich habe soviel davon profitiert, daß ich die Ehre hatte, zum Bruder-Orator ernannt zu werden. Dieses Amt füllte ich so zufriedenstellend aus, daß mir ein werter Bruder gegen Mitternacht ein Kästchen schickte, daß er mir zur sicheren Aufbewahrung anvertraute als jemandem, der in der freimaurerischen Wissenschaft sehr fortgeschritten war, dem Orden innig verbunden und deshalb ein würdiger Verwahrer wichtiger Schriften.“ (John Robinson, „Proofs of a Conspiracy againt all the Religions and Governments of Europe, carried on in the Secret Meetings of Free Masons, Illuminati, and Reading Societies, collected from good Authorities“, vierte Auflage, „Printed and Sold by George Foreman, No. 64, Water Street“, New York, 1798, S. 1-3. Übersetzung durch mich)

Freimaurerische Wissenschaft? Worauf könnte sich Robinson hier beziehen? Gleich vorweg: Das Themengebiet der Freimaurerei wäre ein eigenes Buch wert, obendrein ein sehr dickes, mit dem man sogar Blauwale erschrecken könnte. Sagte ich eines? Man könnte eine räumlich sehr großzügig bemessene Bibliothek mit den Veröffentlichungen füllen, die dazu bereits verfaßt wurden. Ich werde hier deshalb nur einige Streiflichter werfen.

Manche behaupten, das „G“ im berühmten Freimaurersymbol (Zirkel und Winkelmaß mit einem großen G in der Mitte) stünde für „Gnosis“ und spiegele somit die religiösen und weltbildlichen sowie kosmogonischen bzw. schöpfungsmystischen Auffassungen der Freimaurerei. Gnosis steht im weitesten Sinne für „Erkenntnis“ oder auch durch diese bedingte „Erleuchtung“. Gnostiker betrachten sich als mit einem höheren Wissen gesegnet, das sie von der restlichen Menschheit abhebe; sie stünden deshalb über den „Profanen“, den „einfachen Leuten“, die – wiederrum freimaurerischen Grundlagentexten zufolge, beispielsweise einer der wichtigsten Schriften in diesem Zusammenhang, dem angeblich von einem altägyptischen Gelehrten namens Hermes Trismegistus abgeleiteten bzw. auf seinen Lehren basierenden „Kybalion“ – im „Grab der Materie“ lägen. Ihre Wahrnehmung, ihre Sinne und ihr Bewußtsein bliebe auf die materielle Ebene beschränkt, wohingegen nur Eingeweihte und vor allem Meister um den „Scheincharakter“ der materiellen Existenz wüßten. Diese sei quasi nur materialisierter Ausdruck eines „The All“, wie es im Kybalion heißt, einem „Allbewußtsein“, das die Grundlage sämtlicher materiellen Daseinsformen sei. Diese seien nur Ausprägungen desselben „göttlichen Verstandes“, nur Gedankenkonstrukte: das Universum mit all seinen Bestandteilen sei „Gedanke“ bzw. „Geist“. Dieser Geist habe den Kosmos nach seinen Regeln und Gesetzmäßigkeiten entworfen, er sei der „Große Demiurg“, der „Meisterarchitekt“ oder „Oberste Geometer“. Er befinde sich auf der allerhöchsten „Vibrationsstufe“, während alles aus ihm hervorgegangene auf einer niedrigeren Rate schwinge: „

Dieses Prinzip [der Vibration] erklärt, daß die Unterschiede zwischen verschiedenen Manifestationen aus Materie, Energie, Verstand und sogar Geist größtenteils Resultat unterschiedlicher Vibrationsraten sind. Vom Alles, das aus reinem Geist besteht, hinab zu den gröbsten Formen der Materie, befindet sich alles in Vibration – je höher die Schwingung, desto höher die Position auf der Skala. Die Vibration des Geistes ist von so unendlicher Intensität und Geschwindigkeit, daß er sich praktisch im Ruhezustand befindet – so wie ein sich schnell drehendes Rad stillzustehen scheint. Und am anderen Ende der Skala stehen die gröbsten Formen der Materie, deren Schwingungsraten so gering sind, daß sie ebenfalls zu ruhen scheinen.“ (Three Initiates, „The Kybalion – A Study of the Hermetic Philosophy of Ancient Egypt and Greece“, The Yogi Publication Society, Masonic Temple, Chicago, Ill., 1908, herausgegeben von Martino Publishing, Mansfield Centre, CT, 2016, S. 12. Übersetzung aus dem Englischen durch mich)

„Aus dem alten Ägypten kamen die fundamentalen esoterischen und okkulten Lehren, die die Philosophien aller Rassen, Nationen und Völker über tausende von Jahren so stark beeinflußt haben. Ägypten, die Heimat der Pyramiden und der Sphinx, war der Geburtsort der verborgenen Weisheit und mystischen Lehren. […] In Ägypten befand sich die Großloge aller Logen der Mystiker. Durch die Türen ihrer Tempel traten die Neulinge ein, die später als Hierophanten, Adepten und Meister in alle vier Ecken der Welt reisten, das wertvolle Wissen mit sich tragend, das sie so eifrig und gespannt denjenigen weiterzugeben sich anschickten, die es zu empfangen bereit waren. Alle Schüler des Okkulten erkennen an, wieiel sie den altehrwürdigen Meistern dieses antiken Landes schulden. Aber unter diesen großen Meistern des alten Ägypten wandelte einstmals einer, der von ihnen als »Meister der Meister« gegrüßt wurde. Dieser Mensch – sollte er tatsächlich ein »Mensch« gewesen sein – weilte dort in Ägyptens frühesten Tagen. Er war bekannt als Hermes Trismegistus. Er war der Vater der Alchemie.“ (Ebda., S. 5-6) Im Laufe der Zeit seien die uralten Lehren jedoch degeneriert, sie seien durch die Unvollkommenheit des menschlichen Verstandes im Lauf der Jahrhunderte verwässert worden:

„Die hermetischen Lehren findet man in allen Ländern, in allen Religionen, jedoch lassen sie sich nicht mit irgendeinem bestimmten Land identifizieren, noch mit irgendeiner besonderen religiösen Sekte. Das lag an der Warnung der alten Lehrer vor einer Kristallisation der Geheimen Doktrin zu einem Glauben. Die Weisheit dieser Vorsichtsmaßnahme ist für alle Studenten der Geschichte offensichtlich. Der alte Okkultismus von Indien und Persien degenerierte und ging größtenteils verloren, was der Tatsache geschuldet ist, daß Lehrer zu Priestern wurden und somit Theologie mit Philosophie vermischten mit der Folge, daß der Okkultismus Indiens und Persiens unter der Masse an religiösem Aberglauben, Kulten, Glaubensüberzeugungen und »Göttern« verlustig ging. So war es auch im alten Rom und in Griechenland. So war es mit den hermetischen Lehren der Gnostiker und frühen Christen, die zur Zeit Constantins verloren gingen, dessen eiserne Hand die Philosophie mit der Decke der Theologie erstickte. […] Aber es gab immer einige wenige treue Seelen, die die Flamme am Leben erhielten, sie sorgsam hüteten und nicht erlaubten, daß ihr Licht ausgelöscht würde. Und dank dieser standfesten Herzen und furchtlosen Geister ist die Wahrheit immer noch bei uns. Man findet sie aber nicht in Büchern, egal in welchem Umfang. Sie wurde weitergereicht vom Meister an den Schüler; vom Initiierten an den Hierophanten; von Lippe zu Ohr. Wenn sie überhaupt aufgeschrieben wurde, wurde ihre Bedeutung mit Begriffen der Alchemie und Astrologie verhüllt, sodaß nur diejenigen sie verstanden, die den Schlüssel hatten. Dies war notwendig, um einer Verfolgung durch die Theologen des Mittelalters zu entgehen, die gegen die Geheime Doktrin mit Feuer und Schwert, Scheiterhaufen, Galgen und Kreuz kämpften. Sogar heute noch lassen sich nur wenige verläßliche Bücher über die hermetischen Lehren finden, obwohl es zahllose Verweise auf sie in vielen Büchern gibt, die zu verschiedenen Phasen des Okkultismus verfaßt wurden. Und doch ist die hermetische Philosophie der einzige Hauptschlüssel, der sämtliche Türen der okkulten Lehren öffnen wird. […] Diese Lehren bildeten wirklich die grundlegenden Prinzipien der »Kunst der hermetischen Alchemie«, die, im Gegensatz zum allgemeinen Glauben, sich eher mit der Meisterschaft geistiger Kräfte befaßten als materieller Elemente – der Transmutation einer Art mentaler Vibrationen in andere, statt der Umwandlung eines Metalls in ein anderes. Die Legende vom »Stein der Weisen«, der einfache Metalle in Gold verwandeln könne, war eine Allegorie in Bezug auf hermetische Philosophie, was von allen Schülern des Hermetismus auch leicht verstanden wird.“ (Ebda., S. 7-8. Hervorhebungen durch mich)

Über den „Allgeist“ heißt es: „Alle Denker, in allen Ländern und zu jeder Zeit, haben die Notwendigkeit anerkannt, die Existenz [einer] substantiellen Realität zu postulieren. Alle Philosophien, die diesen Namen verdienen, wurden auf diesem Gedanken errichtet. Menschen haben dieser substantiellen Realität viele Namen gegeben – einige nannten es Gottheit (neben vielen anderen Titeln); andere nannten es »die unendliche und ewige Energie«; wieder andere haben versucht, es als »Materie« zu bezeichnen – aber alle haben ihre Existenz anerkannt. Sie ist ein Selbstbeweis – sie muß nicht diskutiert werden. […] Die Hermetiker glauben und lehren, daß Alles [„The All“, Anm. des Autors] müsse »in sich selbst« und für immer unwißbar bleiben. Sie betrachten sämtliche Theorien, Annahmen und Spekulationen der Theologen und Metaphysiker bezüglich der inneren Natur des Alles als kindische Bemühungen sterblicher Geister, das Geheimnis des Unendlichen zu ergründen. Solche Anstrengungen sind immer gescheitert und werden auch immer scheitern, schon wegen der Natur der Aufgabe. Jemand, der solche Untersuchungen betreibt, läuft im Kreis durch das Labyrinth der Gedanken, bis er für alles vernünftige Diskutieren und Handeln verloren und für die Arbeit des Lebens untauglich ist. Er ist wie ein Eichhörnchen, das hektisch immer im Kreis herum durch das Laufrad seines Käfigs läuft, ständig auf der Reise und doch nirgendwo ankommend – am Ende immer noch ein Gefangener, dort stehend, wo er begann.“ (Ebda., S. 22-23)

Damit soll dieser rüde „Crashkurs“ hinsichtlich der kosmogonischen und esoterischen Wurzeln der freimaurerischen Philosophie abgeschlossen sein, wie sie in ihren eigenen Schriften zu finden sind. Schließlich soll es hier ja um die Illuminaten gehen. Nur noch zwei abschließende Bemerkungen:

Auch Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, schrieb in dem von ihm herausgegeben Buch „The Constitutions of the Free-Masons. Containing the History, Charges, Regulations, &c. of that most Ancient and Right Worshipful Fraternity. For the Use of the Lodges“ (London printed; Anno 5723. Re-printed in Philadelphia by Special Order, for the Use of the Brethren in North-America. In the Year of Masonry 5734, Anno Domini 1734) über die Ursprünge der Freimaurerei, die im alten Ägypten und in Babylon gesehen werden. Dasselbe gilt für einen der berühmtesten Freimaurerphilosophen des 20. Jahrhunderts, den amerikanischen Privatgelehrten Manly Palmer Hall; in seinem etwas über 600seitigen „Magnum Opus“ mit dem Titel „The Secret Teachings of all Ages. An Encyclopedic Outline of Masonic, Hermetic, Qabbalistic and Rosicrucian Symbolical Philosophy“ („Die geheimen Lehren aller Zeitalter. Ein enzyklopädischer Umriß freimaurerischer, hermetischer, kabbalistischer und rosenkreuzerischer symbolischer Philosophie“) geht er ausführlich auf die esoterischen, numerologischen, kosmogonischen und philosophischen Lehren ein. Und in seinem Buch „The Lost Keys of Freemasonry“ („Die verlorenen Schlüssel der Freimaurerei“) beschreibt auch er detailliert die Ursprünge der Freimaurerei und ihrer Riten im alten Ägypten.

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