Zur Geschichte der „Illuminati“ – Teil 2

Zurück zu John Robinson. Nach eigener Aussage wurde ihm ein Kästchen mit wertvollen Schriften anvertraut. Zunächst habe er sein Versprechen gehalten, es nicht zu öffnen, sondern sicher zu verwahren, bis es zurückgefordert würde. Nach ca. zehn Jahren lief er dem Eigentümer der Box in Edinburgh wieder über den Weg, der Stadt, an deren Universität Robinson als Professor für Naturphilosophie lehrte; er war Chemiker, Physiker und Mathematiker. Aber irgendwann schien er von seiner Neugier doch übermannt zu werden und öffnete die Schatulle. Er fand darin einige Beschreibungen von Freimaurergraden u.a. einer Pariser Loge, von der er noch nie gehört hatte, Abläufe von Initiierungsritualen und andere Texte – darunter auch einige, die in ihm große Besorgnis auslösten, wie er behauptet. Aufgrund seiner zahlreichen Reisen durch Europa und auch nach England, so Robinson, habe er viele verschiedene Logen kennengelernt und dabei bemerkt, daß „fanatische Kräfte“ von außen eingeströmt seien, für die – um es sehr gerafft darzustellen – das Freimaurertum quasi nur eine Tarnung sei, um ihre destruktiven Ziele umzusetzen.

„Die deutsche Freimaurerei schien eine sehr ernste Angelegenheit zu ein, zudem verwickelt in andere Angelegenheiten, mit denen in Verbindung zu stehen ich sie nie verdächtigt hätte. Ich sah sie stark verbunden mit vielen Vorfällen und Schismen in der christlichen Kirche; ich sah, daß die Jesuiten sich mehrmals eingemischt hatten, und daß die meisten der außergewöhnlichen Innovationen und Meinungsverschiedenheiten ungefähr zu der Zeit entstanden, als der Orden von Loyola [Ignatius von Loyola, Gründer der „Jesuiten-Armee“, Anm. d. Übersetzers] unterdrückt wurde; sodaß es den Anschein hatte, daß diese faszinierenden Brüder ihren Einfluß mithilfe der Freimaurerei aufrecht zu erhalten versuchten. Ich sah sie schwer gestört durch die mystischen Launen von J. Behmen und Swedenborg – durch die fanatischen und schurkischen Doktrinen der modernen Rosenkreuzer – von Magiern, Magnetiseuren, Exorzisten usw. – und ich beobachtete, daß diese verschiedenen Sekten sich gegenseitig verdammten, nicht nur dadurch, abwegige Ansichten beizubehalten, sondern auch durch Einschärfung von Meinungen, die den etablierten Religionen Deutschlands und den Prinzipien der bürgerlichen Einrichtungen entgegenstanden. Zur selben Zeit warfen sie sich gegenseitig Fehler und Korruption vor hinsichtlich Doktrin und Praxis; vor allem aber eine Falsifizierung der obersten Prinzipien der Freimaurerei sowie Ignoranz gegenüber ihrem Ursprung und ihrer Geschichte; und sie untermauerten diese Vorwürfe durch Bezug auf Autoritäten aus vielen verschiedenen Büchern, die ich nicht kannte.“ (John Robinson, „Proofs of a Conspiracy againt all the Religions and Governments of Europe, carried on in the Secret Meetings of Free Masons, Illuminati, and Reading Societies, collected from good Authorities“, vierte Auflage, „Printed and Sold by George Foreman, No. 64, Water Street“, New York, 1798, S. 4. Übersetzung und Hervorhebungen durch mich)

Welch eine Überraschung: Gab es in den Geheimgesellschaften etwa innere Spannungen und Konflikte, Meinungsverschiedenheiten und Reibereien, Intrigen und Ränkespiele, Kämpfe um die „ideologische Lufthoheit“, kurz, ein Beißen, Kratzen und Treten, wie man es auch von ganz offiziellen gesellschaftlichen und politischen Grabenkämpfen kennt? Wäre ja ganz was Neues. Ich erwähne das deshalb, weil in einigen Teilen der „Verschwörungsliteratur“ manchmal der meiner Meinung nach völlig falsche Eindruckt erweckt wird, als handele es sich um eine „geschlossene Front“, quasi einen hermetischen Block, in dem alle an einem Strang zögen. Ich hingegen glaube, daß die geheimgesellschaftliche „Substruktur“ der Geschichte, die es ja eindeutig gibt, nicht weniger politisch vernarbt ist als die offizielle auch, wobei beide natürlich oftmals ineinander spielen – die sogenannte offizielle Geschichte basiert schließlich nicht selten auf Entscheidungen, die auf inoffizieller Ebene vorbereitet und getroffen wurden. Ausgehend von meinem heutigen Kenntnisstand vermute ich allerdings, daß an den Spitzen bzw. in den „Führungsetagen“ dieser Gesellschaften tatsächlich auf dasselbe Ziel hingearbeitet wird, also die Errichtung einer „Neuen Weltordnung“ – unabhängig von Grabenkämpfen und Vendetten auf den unteren Ebenen. Doch lassen wir Robinson fortfahren:

„Ich wurde regelmäßig nach England zurückgeschickt, von wo aus, worin alle übereinstimmten, die Freimaurerei nach Deutschland gelangte. Ich wurde ebenso regelmäßig nach Frankreich und England entsandt. Dort, vor allem aber in Frankeich, bemerkte ich, daß die Logen zu Schlupfwinkeln für viele Nebelwerfer und Fanatiker geworden waren, sowohl in den Wissenchaften, der Religion und der Politik, die die Geheimhaltung und die Redefreiheit dieser Treffen dazu nutzen, ihre spezifischen Launen oder verdächtigen Doktrinen zu verbreiten, die, sollten sie der Welt in gewohnter Weise zugänglich gemacht werden, ihre Autoren entweder der Lächerlichkeit preisgegeben hätten oder Zensur. Diese Nebelwerfer hatten sich dahingehend arrangiert, ihre befremdlichen Geheimmittel als Freimaurerei zu etikettieren, ja, es wurde ihnen sogar erlaubt, die freimaurerischen Embleme und Zeremonien für ihre Zwecke zu verdrehen; sodaß in ihren Händen die Freimaurerei zu einer Sache wurde, die fast in direkter Opposition zu dem aus England importierten System stand (falls man es so nennen konnte); einige Logen wurden zu Schulen der Irreligiösität und Liderlichkeit.

[…]

Kurz, ich fand heraus, daß die Tarnung als Freimaurerloge in jedem Land dazu benutzt wurde, Ansichten in puncto Religion und Politik in Umlauf zu bringen und zu propagieren, die in der Öffentlichkeit nicht hätten zirkulieren können, ohne den Autor großer Gefahr auszusetzen. Ich entdeckte, daß diese Straflosigkeit Menschen mit liederlichen Prinzipien nach und nach dazu ermutigte, kühner zu werden und Doktrinen zu lehren, die all unsere Gedanken von Moralität unterlaufen – all unser Vertrauen in die moralischen Gesetzmäßigkeiten des Universums – all unsere Hoffnungen auf Verbesserung in zukünftigen Stadien der Existenz – und all unsere Zufriedenheit und Genügsamkeit mit unserem gegenwärtigen Leben, solange wir in einem Stadium der Unterordnung unter Prinzipien der Zivilisation leben. Ich war in der Lage, diese Versuche nachzuverfolgen, die im Laufe von fünfzig Jahren unter dem trügerischen Vorwand unternommen wurden, die Welt durch die Fackel der Philosophie erleuchten und die Wolken zivilisierten und religiösen Aberglaubens vertreiben zu wollen, die die Nationen Europas angeblich in Dunkelheit und Sklaverei halten. Ich beobachtete, wie diese Doktrinen sich schrittweise ausbreiteten und sich mit all den unterschiedlichen System der Freimaurerei vermischten; bis schlußendlich eine Verbindung geformt sei mit dem ausdrücklichen Ziel, alle religiösen Einrichtungen und alle existierenden Regierungen Europas umzustürzen. Ich sah, wie diese Verbindung eifrig und systematisch danach strebte, unwiderstehlich zu werden: und ich sah, daß die aktivsten Anführer der französischen Revolution Mitglieder dieser Verbindung waren und ihre ersten Aktivitäten an ihren Prinzipien ausrichteten und dabei auf ihre Anweisungen und Hilfestellungen zurückgriffen, die sie zuvor angefordert und erhalten hatten: und schließlich sah ich, daß diese Verbindung immer noch existiert, nach wie vor im Geheimen operiert und daß nicht nur verschiedene ihre Erscheinungsformen unter uns zeigen, daß ihre Gesandten darauf hinwirken, ihre abscheulichen Doktrinen unter uns zu propagieren, sondern daß diese Verbindung Logen in England hat, die mit der Mutterloge in München seit 1784 korrespondieren.

Wäre all das nur eine Sache bloßer Neugier, und keine gute Verwendung wert, hätte ich es besser für mich behalten, als meine Nachbarn mit einem Wissen über den Stand der Dinge zu belästigen, den sie nicht ändern können. Sollte sich aber herausstellen, daß der Verstand meiner Landsleute in genau derselben Weise in die Irre geführt wurde wie der unserer kontinentalen Nachbarn und sollte mir der Nachweis gelingen, daß die Argumentationen, die einen so starken Eindruck auf manche Personen in diesem Land machten, dieselben sind, die diese gefährliche Verbindung in Deutschland hervorgebracht haben; und daß sie diesen unglücklichen Einfluss nur hatten, weil man von ihnen dachte, sie wären aufrichtig sowie Ausdruck der Ansichten der Redner – wenn ich zeigen kann, daß all das nur ein Betrug war, und daß die Führer dieser Organisation kein einziges ihrer Worte und keine einzige ihrer Doktrinen selber glaubten; und daß es ihre wahre Absicht war, alle Religionen abzuschaffen, jede Regierung umzustürzen und aus der Welt ihre Beute und ein Wrack aus ihr zu machen – wenn ich zeigen kann, daß die Prinzipien, die der Gründer und die Anführer dieser Verbindung als Perfektion menschlicher Tugend hochhielten sowie als wirkmächtigste zur Formung des menschlichen Geistes, um sie gut und glücklich zu machen, keinen Einfluss auf den Gründer und die Anführer selber hatten, und daß diese fast ohne Ausnahme die unbedeutensten, wertlosesten und liederlichsten aller Menschen waren; dann kann ich mir eigentlich nur vorstellen, daß solche Informationen meine Landsleute kurz zögern und mit Vorsicht, ja sogar Mißtrauen Anreden und Instruktionen aufnehmen ließen, die unserer Selbstwahrnehmung schmeicheln und die, uns mit der halbseidenen Aussicht auf mögliche Veränderungen bei der Stange haltend, uns unzufrieden mit unserem gegenwärtigen Zustand werden und vergessen lassen, daß es es niemals eine Regierung auf Erden gab, unter der die Menschen einer großen und luxuriösen Nation soviel Freiheit und Sicherheit unter dem Mantel all dessen besaßen, was lieb und teuer ist.

[…]

Die Verbindung, von der ich sprach, ist der Orden der Illuminati, gegründet im Jahre 1775 von Dr. Adam Weishaupt, Professor für kanonisches Recht an der Universität von Ingolstadt, die 1786 vom Kurfürsten Bayerns verboten wurde, kurz darauf unter anderem Namen und in anderer Form in ganz Deutschlan wiedererstand. Sie wurde abermals entdeckt und scheinbar aufgelöst; allerdings hatte sie dieses Mal schon so tiefe Wurzeln geschlagen, daß sie immer noch existiert, ohne bemerkt zu werden und sich in allen Ländern Europas ausbreitete. Sie erwuchs zunächst unter den Freimaurern, unterscheidet sich aber vollkommen von der Freimaurerei. Jedenfalls war es nicht der bloße Schutzmantel der Geheimhaltung der Logen, der ihr diese Gelegenheit gab, sondern sie entstand in natürlicher Weise aus der Korruption, die diese Bruderschaft langsam unterhöhlte, aus der Gewalt des Parteigeistes, der sie pervertiert hatte sowie aus der völligen Unsicherheit und Dunkelheit, die über dem Ganzen dieser mysteriösen Verbindung hängt.“ (a.a.O., S. 7-9)

Auf den folgenden Seiten erläutert Robinson die innere Struktur, Aufbau und Hierarchie des Illuminaten-Ordens auf Basis der Dokumente, die er in dem ihm anvertrauten Kästchen vorgefunden haben will. Um es etwas abzukürzen: es soll sich um eine straff hierarchisch geführte Geheimgesellchaft gehandelt haben, in der „Adepten“ bzw. Schüler ihren Lehrern mehr oder weniger bedingungslos zu gehorchen hatten.

Desweiteren soll es ein strenges Kontrollsystem gegeben haben, um über die „richtige“ Gesinnung der Zöglinge zu wachen: Diese sollten, so Robinson, nie wissen, ob und wann sie evtl. mit einem anderen „Bruder“ sprechen, der im Falle einer „Abweichung“ von den vorgegebenen Doktrinen diesen Verstoß seinen Vorgesetzten zu melden hätte. Sollte das stimmen, fallen mir dazu eigentlich nur fünf Buchstaben ein: Stasi. Auf mich macht das sehr stark den Eindruck einer rigiden „Gesinnungsschnüffelei“, die Angst und Unsicherheit als psychisches Druckmittel verwendet.

Ein weiteres interessantes Zitat in diesem Kontext wird dem Herzog von Braunschweig zugeschrieben (Ferdinand von Braunschweig-Laneburg Wolfenbüttel), einem Freimaurer, der im Jahre 1794 folgende Warnung in Form eines Briefes an seine Logenbrüder ausgsprochen haben soll:

„Ich bin überzeugt davon, daß wir, als Orden, unter den Einfluß einer äußerst bösartigen okkulten Gruppe geraten sind, die in den Wissenschaften, sowohl den okkulten als auch anderen, sehr versiert sind, auch wenn sie nicht unfehlbar sind; ihre Methoden sind Schwarze Magie, das heißt Elektromagnetismus, Hypnose und mächtige Suggestion. Wir sind überzeugt, daß der Orden von einer Art Sonnenkult kontrolliert wird, modelliert nach dem Wesen der Illuminati, wenn nicht von ihnen selbst. Wir sehen unser prächtiges Gedankengebäude zerfallen und den Boden mit Ruinen bedecken, wir sehen die Zerstörung, die unsere Hände nicht länger aufhalten … eine große Sekte entstand, die Gutes und Glück des Menschen zu ihrem Motto erhebt und im Dunkeln der Verschwörung daran arbeitete, das Glück der Menschheit zu ihrer Beute zu machen. Diese Sekte ist jedermann bekannt, ihre Brüder nicht weniger als ihr Name. Sie sind es, die das Fundament unseres Ordens bis zum Punkt des Umsturzes unterhöhlt haben; durch sie wurde die die gesamte Menschheit vergiftet und über Generationen hinweg in die Irre geführt … sie begannen damit, Religion einen üblen Beigeschmack zu geben … Ihre Meister haben nichts weniger im Blick als die Throne der Erde, und die Regierungen der Nationen sollten von ihren nächtlichen Clubs geführt werden … der Mißbrauch unseres Ordens … hat all die politischen und moralischen Nöte erzeugt, mit der die Welt heute angefüllt ist … wir müssen von heute an den gesamten Orden auflösen.“

In ähnlicher Weise schilderte Joseph Marius Franz von Babo in seiner Schrift „Über Freimaurer. Erste Warnung“ von 1784 den Niedergang des Ordens:

„Ist denn aller Muth, aller hohe Wahrheitssinn von unseren Brüdern gewichen, daß sich in ihrer zahlreichen, glänzenden Loge nicht Kraft genug vorfand, diesen Streich abzuwenden? Wie werden wir im Stande seyn, unsre vortrefliche, die Menschheit beglückende Entwürfe auszuführen, da wir uns nicht einmal erhalten konnten? O mein Freund! Die Schläge des Fanatismus, als sie plump und laut waren, schadeten unserm Orden nicht viel; nun aber hüllt sich die Verfolgung in Politik, und schwerlich schwerlich werden wir es gegen sie aushalten.

Ich begreife nicht, wie die vornehmsten Mitbrüder unserer Loge bey ihrer steten Aufmerksamkeit auf alles, was uns und den Staat betrifft, diese Verordnung nicht hätten unterdrücken können. Sollten sie nichts davon erfahren haben? Unmöglich. Wir haben ja Mitbrüder in allen, auch den geheimsten Kollegien, die bisher ihre Pflicht redlich erfüllten, und alles an Handen gaben, wovon die Loge Gebrauch machen konnte. Sind nicht alle Rathsstuben aus unserm Orden besetzt? War unsre Loge dadurch nicht mittelbar die höchste, thätigste Stelle im Lande? Hat sie nicht durch das treue Einverständnis ihrer Mitglieder, die ein Geist, ein Grundsatz belebte, die wichtigten Ämter besetzt, die wichtigsten Prozesse geschlichtet, und selbst für die Zukunft gesorgt? Woher nun auf einmal diese Ohnmacht? Und eben zur Zeit, da unser Einfluß am stärksten, und unser Ansehen durch die mächtigsten Freunde unterstützt war? Es muß schon lange ein verborgener Dämon über unserm Verderben gebrütet haben; gewiß hat eine Kabale einen Weg gefunden, der noch verborgener und sicherer, als der unsrige war. Oh! Daß unter so vielen politischen Nasen keine einzige den Unrath roch! Geben sie acht, es wird aufkommen, daß wir die Quelle unsers Verderbens entweder selbst gegraben, oder ihrer anscheinenden Unwichtigkeit halber allzusehr verachtet haben. Wer in unserm Geschäftskreis große Sachen unternehmen will, muß keine Anstalten versteckt halten, oder ihnen wenigst einen Anstrich von Inconsequenz geben; gegen diesen politischen Grundsatz fehlten wir.

Es gab Mitbrüder unter uns, die, wenn sie ihre drey, vier Bouteillen Wein unterm Knopfloch hatten, mit Bachantenwuth jedem verdächtigen Profanen Tod und Verderben schwuren. Sie wissen, daß ich aus diesem unbescheidenen Drohen, und all zu lautem Emporstreben unserer Wirbelköpfe schon lange schlimme Händel weißsagte, und ihre Versicherung, »daß wir nichts zu befürchten hätten, weil in ganz Bayern kein denkender thätiger Kopf übrig, der nicht mit uns verbrüdert oder garantiert wäre«, konnte mich nie ganz beruhigen.“ (Joseph Marius Franz von Babo, „Über Freymaurer. Erste Warnung“, 1784, S. 3-5. Hervorhebungen durch mich)

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