Zur Geschichte der „Illuminati“ – Teil 4

Zur Geschichte der „Illuminati“ – Teil 4

Sie haben nun einige Informationen über den Orden der Illuminaten und ihre Zielsetzungen – basierend auf den Darstellungen John Robinsons, die natürlich auch nicht pures Gold sein müssen. Es gibt andere, denen zufolge es sich um eine von aufklärerischem Geist beseelte Geheimgsellschaft gehandelt haben soll, die aufgrund rabiater politischer Verfolgung sowie Angriffe durch das Jesuitentum auf strikte Geheimhaltung zurückgreifen mußte:

„Der am 6.2.1748 in Ingolstadt als Sohn des bereits erwähnten Rechtsdozenten Johann Georg Weishaupt geborene und durch Jesuiten streng erzogene Adam Weishaupt wurde 1773 Professor für Natur- und Kirchenrecht sowie für Praktische Philosophie an der Universität seiner Heimatstadt.

Abgestoßen von der kompromißlos anti-aufklärerischen Haltung der Jesuiten und von persönlichen Anfeindungen durch diese, vom Mystizismus der Gold- und Rosenkreuzer und von den Ritualen der Freimaurer beschloß er, einen Geheimbund zu gründen, um bei Angriffen von seiten der Jesuiten einen Rückhalt zu haben und seine Vorstellungen von gesellschaftlichen Veränderungen realisieren zu können.

Eine nähere Betrachtung der Ziele von Weishaupts Geheimbund, der anfangs ‚Bund der Perfektibilisten‘, dann ‚Bienenorden‘ und schließlich Illuminatenorden genannt wurde, zeigt zunächst drei Strukturmerkmale:

  • antijesuitisch
  • pädagogisch-humanitär (im Geist der Freimaurer)
  • szientifisch (im Geist der Akademikerbewegung). Obwohl Weishaupt versicherte, »keine für den Staat, die Religion und gute Sitten nachtheiligen Gesinnungen der Handlungen zum Zweck« zu haben, und die neuen Mitglieder auch nur auf einen harmlos klingenden und keine konkreten politischen Ziele ansprechenden bürgerlichen Tugendkatalog (Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Rechtschaffenheit, Zufriedenheit, Bescheidenheit, Mäßigkeit usw.) verpflichtet wurden, wird in Weishaupts »Anrede an die neu aufzunehmenden Illuminatos dirigentes« deutlich, daß dieser zwar einerseits in konservativ-christlichen Denk- und Argumentationsmustern verharrte, andererseits aber durchaus radikal-aufklärerische Gedanken vertrat.

In dieser »Anrede« entwickelte Weishaupt zugleich seine Auffassung vom Ablauf der Geschichte, inhaltlich gesehen eine »vergleichsweise naiv und unreflektiert« ausgestaltete Dreiphasenlehre, die philosophisch hinter Leibniz und damit deutlich hinter zeitgenössischen Ansätzen zurückblieb.

(1) Die menschliche Entwicklung habe im Zustand der »Wildheit« (Urzustand, Paradies) begonnen, in dem nur elementare Bedürfnisse bekannt und leicht zu befriedigen waren.

(2) Durch die Vermehrung der Menschen und den Übergang vom Nomadenleben zur Seßhaftigkeit und letztlich zur Städtekultur seien durch das so bedingte enge Zusammenleben die »unseligen Triebfedern und Ursachen unseres Elends« entstanden: »die Liebe zur Macht, die Begierde, sich zu unterscheiden und andere zu übertreffen, der Hang zur Sinnlichkeit, die Begierde nach den vorstellenden Zeichen der Güter«. Man habe bald gemerkt, daß ein Zusammenschluß unter einem starken Führer größere Sicherheit gewährleistete, doch »mit dem Ursprung der Nationen und Völker hörte die Welt auf, eine große Familie … zu seyn …. Man vereinigte Menschen, um sie voneinander zu trennen«, und der Nationalismus trat an die Stelle der Menschenliebe. Die einst vom Volk eingesetzten Könige wurden zu Despoten, die ihre Macht vererbten und »die Gewalt, Menschen zu mißhandeln, … unmittelbar von Gott« ableiteten. Zur völligen Unterdrückung ihrer Völker erfanden die Fürsten schließlich das »Gleichgewicht der Kräfte«, das Revolutionen erschwerte, und zur Übervorteilung ihrer Gegner unterstützten sie sogar die Wissenschaften, was wegen der damit verbundenen Entwicklung der Aufklärung zu einer »unerhörten Metamorphose« führte, die sich am Ende gegen die Fürsten selbst richten sollte.

(3) Die Träger dieser Metamorphose, nämlich die Aufklärer, organisierten sich nun, um »konsequent und der Natur gemäß die menschlichen Rechte, die der Despotismus zerstört hatte, wiederherzustellen und … jede Herrschaft überflüssig zu machen, damit die Vernunft das alleinige Gesetzbuch der Menschen und das Menschengeschlecht wieder dereinst eine Familie und die Welt der Aufenthalt vernünftiger Menschen werde«. Durch »geheime Weisheitsschulen«, die »vor allzeit die Archive der Natur und der menschlichen Rechte« waren, erreichen es die Aufklärer, daß »der Mensch von seinem Fall sich erhole; Fürsten und Nationen werden ohne Gewalttätigkeit von der Erde verschwinden«. Die Zeit bis zum Erreichen dieses Zustandes der »Erlösung« wird von Weishaupt offengelassen: »Vielleicht vergehen Jahrtausende oder hundert tausende darüber«.

Der Übergang von der Stufe 2 zur Stufe 3 werde durch die Befolgung der durch Jesus von Nazareth aufgezeigten »vollkommensten Sittenlehre« ermöglicht, die von der Geistlichkeit völlig verstümmelt, ja geradezu in ihr Gegenteil verkehrt worden sei: Statt den Menschen die Freiheit zu bringen, beteilige sich die Geistlichkeit an deren Unterdrückung, die sogar schlimmer sei als die der Fürsten, da sie sich auch auf die Gedanken erstrecke.“ (Franz Josef Burghardt, „Der Geheimbund der Illuminaten“, Köln, 1988, S. 8-9)

Dem Autor obigen Exzerptes, Franz Josef Burghardt, zufolge soll es sich bei Weishaupts Agenda also um ein heilsgeschichtliches Programm gehandelt haben, das hin zu einer aufklärerischen Katharsis, einer Erlösung der Menschheit von den Übeln der Vergangenheit strebe dahingehend, sie von den seit Jahrtausenden gewachsenen und tradierten Macht- und Herrschaftsstrukturen zu befreien:

„Entscheidend für Weishaupts Geschichtsphilosophie ist, daß der Geheinbund »zum integralen Bestandteil des unabänderlichen göttlichen Heilsplans erklärt und zugleich mit der Idealgestalt des Christentums identifiziert wird«. Weishaupt betont, daß alles »Bestreben der Fürsten, ihren (d. i. der Aufklärung) Fortgang zu hindern, gänzlich vergeblich« ist, daß »früher oder später die Natur doch ihr Tagwerk vollenden« muß.

Die Beseitigung der Nationen und Religionen war also für Weishaupt unabwendbar, und den Illuminaten – den durch die Gnade Gottes Erleuchteten, den Heiligen (!) – sollte dabei eine wesentliche Rolle zukommen, nämlich die als Vermittler der »vollkommensten Sittenlehre«, die in den Geheimbünden konserviert worden sei.

Allerdings verhalten sich die Illuminaten »als Zuschauer und Werkzeuge der Natur, beschleunigen keinen Erfolg und erlauben … keine anderen Mittel, als Aufklärung«. Für den Prozeß, der schließlich Fürsten und Klerus überflüssig macht, fühlen sich die Illuminaten auch nicht verantwortlich; sie sind in ihren Handlungen unschuldig: »Wir beruhigen uns dabey in unserm Gewissen gegen jeden Verweis, daß wir den Umsturz und Verfall der Staaten und Thronen eben so wenig veranlaßt als der Staatsmann von dem Verfall seines Landes Ursach ist, weil er solchen ohne Möglichkeit der Rettung vorhersieht«.

Damit hat die Vorstellung von der Zwangsläufigkeit des historischen Prozesses für die Illuminaten eine Entlastungs- und Legitimationsfunktion, indem das eigene politische Ziel einer selbsttätigen Geschichte überlassen wird und die Rechtfertigung der Handlungen teleologisch aus einer Zukunft abgeleitet wird, die die Erfüllung der gesetzten politischen Ziele sicherstellt.

An eine Reform des bestehenden Systems dachte Weishaupt nicht, da dieses nach den Gesetzen der Natur zum völligen Untergang bestimmt war. In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn er von den Geheimbünden sagt, daß sie »gleichgültig [machen] gegen das Interesse des Staates« und »den Arbeiten des Staates und der Kirche die fähigsten Köpfe und Arbeiter [entziehen und] eben dadurch den Staat, wenn sie es gleich nicht zum Zweck haben«, untergraben.

Diese Untergrabung des Staates müsse nach Weishaupts Meinung unter der Führung einer Elite erfolgen, deren Existenz vorübergehend – eben bis zur Erreichung des Zieles – nötig sei. Damit traf Weishaupt, seiner Zeit weit voraus, den Kern geschichtsphilosophischer Rechtsfertigungsversuche moderner »Aktionsgruppen«.“ (a.a.O., S. 10, Hervorhebungen durch mich)

Weishaupts Illuminatenbund scheint allerdings nicht der einzige gewesen zu sein, der auf einen – Burghardts Ausführungen zufolge – anarchischen Zustand hingearbeitet haben soll. Auch der Freimaurer Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, der Ihnen in diesem Buch bereits mehrfach begegnete, schrieb dazu in seiner Schrift „Praktischer Idealismus“ einige interessante Zeilen:

„4. Anarchie und Muße

Staat und Arbeit geben beide vor, Ideale zu sein; sie verlangen von ihren Opfern Ehrfurcht und Liebe. Sie sind aber keine Ideale: sie sind schwer zu ertragende soziale und klimatische Notwendigkeiten. Seit es Staaten gibt, träumt die Sehnsucht des Menschen von Anarchie, vom idealen Zustande der Staatslosigkeit – seit es Arbeit gibt. träunrt die Sehnsucht des Menschen von ;uße, vom Idealzustand der freien Zeit. Anarchie und Muße sind Ideale – nicht Staat und Arbeit. Anarchie ist in einer dichtbevölkerten Gesellschaft, die nicht auf hoher ethischer Stufe steht, undurchführbar. Ihre Verwirklichung müßte den letzten Rest an Freiheit und Lebensmöglichkeit, den der Staat seinen Bürgern reserviert, vernichten. In der allgemeinen Panik kollidierender Egoismen würden die Menschen einander erdrücken. Statt zur Freiheit müßte Anarchie zur ärgsten Unfreiheit führen. Bei allgemeiner Muße müßten in einem nördlichen Weltteil innerhalb Monate die Mehrzahl der Menschen verhungern oder erfrieren. Not und Elend würden ihren Gipfel erreichen. Einsiedler-Anarchien herrschen in Wüsten und Schneefeldern unter Eskimos und Beduinen; Muße herrscht in dünnbevölkerten und fruchtbaren Südländern.

5. Überwindung von Staat und Arbeit

Zwangsstaat und Zwangsarbeit, die beiden Beschützer und Zwingherrn des Kulturmenschen, können durch keine politische Revolution beseitigt werden, nur durch Ethik und Technik.

Bevor nicht Ethik den Zwangsstaat überwunden hat, bedeutet Anarchie allgemeinen Mord und Raub – bevor nicht Technik die Zwangsarbeit überwunden hat, bedeutet Muße allgemeinen Hunger- und Kältetod.

Nur durch Ethik kann sich der Bewohner übervölkerter Länder aus der Tyrannei der Gesellschaft erlösen, nur durch Technik kann sich der Bewohner kälterer Zonen aus der Tyrannei der Naturgewalten erlösen.

Die Mission des Staates ist, durch Förderung der Ethik sich selbst überflüssig zu machen und schließlich zur Anarchie zu führen – die Mission der Arbeit ist, durch Förderung der Technik sich selbst überflüssig zu machen und schließlich zur Muße zu führen.

Nicht die freiwillige Menschengemeinschaft ist Fluch – sondern nur der Zwangsstaat; nicht die freiwillige Arbeit ist Fluch – sondern nur die Zwangsarbeit.

Nicht Zügellosigkeit ist Ideal – sondern Freiheit: nicht Müßiggang ist Ideal – sondern Muße.

Zwangsstaat und Zwangsarbeit sind Dinge, die überwunden werden müssen: aber sie können nicht überwunden werden durch Anarchie und Muße, bevor nicht Ethik und Technik ausgereift sind; um dahin zu gelangen, muß der Mensch den Zwangsstaat ausbauen, um die Ethik zu fördern – die Zwangsarbeit ausbauen, um die Technik zu fördern.

Der Weg zur ethischen Anarchie führt über Staatszwang – der Weg zur technischen Muße führt über Arbeitszwang.

Die Kurve der Kulturspirale, die aus dem Paradiese der Vergangenheit in das Paradies der Zukunft führt, nimmt folgenden Doppellauf:

Naturanarchie – Überbevölkerung – Zwangsstaat – Ethik – Kulturanarchie; Naturmuße – Nordwanderung – Zwangsarbeit – Technik – Kulturmuße.

Wir befinden uns heute in der Mitte dieser Kurven, von beiden Paradiesen weit entfernt: daher unser Elend. Der moderne Durchschnittseuropäer ist nicht mehr Naturmensch – aber noch nicht Kulturmensch; nicht mehr Tier – aber noch nicht Mensch; nicht mehr Teil der Natur – aber noch nicht Herr der Natur.“ (Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, „Praktischer Idealismus – Adel, Technik, Pazifismus“, Paneuropa-Verlag, 1925, S. 71-73)

 

 

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