Die digitale Neuordnung des Geldes: „Die Kette“-Artikelreihe von Whitney Webb und Mark Goodwin in kompakter Form
Wie das Silicon Valley und die Wall Street das Freiheitsversprechen der Kryptowährungen für sich nutzen
Wer sich von der Macht der Banken befreien möchte, wird zunächst kaum auf die Idee kommen, ausgerechnet deren Geschäftspartner um die Verwaltung seiner Freiheit zu bitten. In der Welt der Kryptowährungen jedoch lässt sich genau diese Entwicklung beobachten: Ein technisches Verfahren, das Zahlungen ohne zentrale Vermittlungsinstanz ermöglichen sollte, wird in ein Geflecht aus Vermögensverwaltern, Zahlungsunternehmen und staatlicher Aufsicht eingebaut. Die Befreiung vom Finanzestablishment erhält damit eine bemerkenswerte Wendung: Das Establishment übernimmt die Kundenbetreuung.
Whitney Webb und Mark Goodwin haben dieser Entwicklung ihre 2024 erschienene Artikelreihe „Die Kette“ gewidmet. Ihre Hauptthese lautet, dass sich hinter den Versprechen von Dezentralisierung und finanzieller Selbstbestimmung ein neues Arrangement wirtschaftlicher und politischer Macht herausbildet. Es verbindet Bitcoin als knappes Anlagegut mit privat ausgegebenen digitalen Dollars, während ein überschaubarer Kreis von Unternehmen die entscheidenden Dienstleistungen bereitstellt. Die Autoren sprechen vom „Bitcoin-Dollar“. Gemeint ist keine einzelne Währung, sondern ein System, in dem der Aufstieg von Bitcoin und die Ausbreitung des Dollars einander durchaus befördern können.
Die Frage lautet deshalb: Wer verfügt über das Geld, wer über die Zugänge und wer über die Informationen, die bei jeder Zahlung entstehen? Um dies zu verstehen, genügt es nicht, den Programmcode zu betrachten. Man muss auch die Eigentümerstrukturen, Finanzierungswege und politischen Beziehungen hinter den freundlichen Benutzeroberflächen kennenlernen. Genau dort setzt die Recherche an. [1–5]
Das PayPal Netzwerk und die Verwaltung der Freiheit
Ein Ausgangspunkt ist PayPal. Peter Thiel und Max Levchin gehörten zu den Gründern von Confinity, das sich 2000 mit Elon Musks X.com zusammenschloss. Aus diesem Umfeld entstand ein Personenkreis, der später unter der Bezeichnung „PayPal-Mafia“ bekannt wurde. Nach dem Verkauf von PayPal an eBay 2002 flossen Kapital, Kontakte und Erfahrungen in zahlreiche weitere Unternehmen. Reid Hoffman wurde mit LinkedIn bekannt, Thiel gehörte zu Facebooks frühen Investoren und gründete Palantir mit.
PayPal war von Anfang an mit einem größeren Anspruch verbunden als dem, Internetkäufe bequem zu bezahlen. Thiel wollte ein weltweites Zahlungssystem aufbauen. Die Aussicht, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen über technische Infrastruktur durchzusetzen, war dabei durchaus politisch. In Whitney Webbs und Mark Goodwins Rückschau erklärte er, man habe für bestimmte Vorstellungen keine Wahlen gewinnen können; möglicherweise lasse sich die Welt aber durch Technologie verändern, ohne die Menschen fortwährend überzeugen zu müssen. Eine aufschlussreiche Auffassung vom Verhältnis zwischen gesellschaftlicher Gestaltung und gesellschaftlicher Zustimmung.
Auch Thiels Lob des Monopols gehört in diesen Zusammenhang. In „Zero to One“ wirbt er dafür, als Unternehmer einen neuen Bereich zu beherrschen, statt sich im Wettbewerb aufzureiben. Für den Investor ist das nachvollziehbar. Für Menschen, deren Zahlungsverkehr von einer solchen Infrastruktur abhängig wird, sieht die Rechnung anders aus. Ob der Betreiber seine Macht „Innovation“ nennt, ändert nichts daran, dass er Bedingungen setzen kann. Ein Monopol wird nicht dadurch freiheitlich, dass sein Eigentümer gelegentlich den Staat beschimpft.
Die Artikelreihe verfolgt außerdem, wie dieses Milieu weit über Kalifornien hinaus Wirkung entfaltete. Das Unternehmernetzwerk Endeavor förderte Firmen in Schwellenländern und verknüpfte deren Gründer mit internationalen Geldgebern. Zu seinen Unterstützern gehörten der eBay-Gründer Pierre Omidyar und Reid Hoffman. Wences Casares, später Gründer des Bitcoin-Verwahrers Xapo, wurde ebenso Teil dieses Umfelds wie Unternehmer hinter lateinamerikanischen Digitalplattformen. Für Webb und Goodwin ist solche Förderung auch ein Verfahren, mit dem sich der wirtschaftliche Nachwuchs eines Landes an bereits bestehende Machtzentren binden lässt.
Das Argument benötigt keine endlose Aufzählung von Bekanntschaften. Sein Kern ist einfach: Wer vielversprechende Firmen früh finanziert, ihre Führungskräfte vernetzt und ihnen den Zugang zu Märkten eröffnet, kann die spätere Wirtschaftsstruktur mitprägen. Bei Idealab, dem von Bill Gross gegründeten Technologie-Inkubator, und bei Blockchain Capital beschreibt die Reihe zudem Beteiligungsmodelle, durch die Gründer auch am Erfolg anderer Unternehmen desselben Netzwerks interessiert waren. Kooperation mag sinnvoll sein. Sie kann allerdings auch bewirken, dass der angebliche Wettbewerb zwischen verschiedenen Marken wirtschaftlich erheblich weniger unabhängig ist, als er aussieht. [1–3]
Bitcoin als Vermögen und der Dollar als Zahlungsmittel
Zum Verständnis des „Bitcoin-Dollars“ müssen zwei Dinge auseinandergehalten werden. Bitcoin ist ein digitaler Vermögenswert mit einer nach den geltenden Protokollregeln begrenzten Gesamtmenge. Dollar-Stablecoins dagegen sind Token, deren Wert möglichst bei einem US-Dollar liegen soll. Zu den wichtigsten Beispielen der Reihe gehören Tethers USDT, Circles USDC und PayPals von Paxos ausgegebener PYUSD. Bei diesen Modellen halten Unternehmen Reserven, etwa Bankguthaben und kurzfristige US-Staatsanleihen, um die Einlösbarkeit ihrer Token zu gewährleisten.
Eine wichtige Verbindung zwischen diesen Unternehmen ist Brock Pierce. Er gehörte zu den Mitgründern von Tether und Blockchain Capital und wirkte am Aufbau weiterer Krypto-Unternehmen mit. William Quigley, ebenfalls Tether-Mitgründer, kam aus dem Umfeld von Idealab und Clearstone, das schon früh an PayPal beteiligt war. An diesen Laufbahnen zeigen Webb und Goodwin, wie Erfahrungen aus dem Onlinehandel, Risikokapital und digitale Währungsausgabe ineinandergriffen. Es entstand ein Markt, dessen vermeintlich getrennte Bereiche durch wiederkehrende Investoren und Gründer verbunden waren.
Die Bezeichnung „Stablecoin“ ist dabei ein Zielversprechen, keine Naturkonstante: Entscheidend bleiben Qualität und Verfügbarkeit der Reserven sowie die Bedingungen der Rückzahlung. Und ein solcher Token ist nicht einfach eine US-Staatsanleihe in handlicher Verpackung: Der Nutzer hält grundsätzlich ein vom Emittenten ausgegebenes Instrument. Die Staatsanleihen können auf dessen Reserveseite liegen. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie erkennen lässt, wem man trotz aller Blockchain-Technik weiterhin vertrauen muss.
In Goodwins Modell übernimmt Bitcoin vor allem die Rolle eines digitalen Spar- und Anlagegutes, während Dollar-Token den Handel und alltägliche Zahlungen erleichtern. Die starken Kursschwankungen von Bitcoin und die begrenzte Kapazität seiner Basisschicht begünstigen eine Nachfrage nach anderen Zahlungsinstrumenten. Wer regelmäßig einen bestimmten Geldbetrag überweisen muss, interessiert sich verständlicherweise dafür, welchen Wert der Empfänger tatsächlich erhält. Stablecoins bedienen dieses Bedürfnis und schaffen zugleich eine Verbindung zwischen Kryptomärkten und dem bestehenden Dollarsystem.
Darin liegt der geopolitische Zusammenhang. Wenn ein Emittent zusätzliche Token gegen eingezahlte Dollars ausgibt und einen Teil der Mittel in US-Schatzanweisungen anlegt, trägt seine Nachfrage zur Finanzierung des amerikanischen Staates bei. Die laufenden Erträge aus diesen Reserven können dem Emittenten zufließen. Der Nutzer erhält das bewegliche Zahlungsmittel; der Anbieter verdient an der dahinterliegenden Anlage. Das erklärt, weshalb dieses Geschäft für private Unternehmen attraktiv ist und zugleich staatliches Interesse findet.
Howard Lutnick erscheint in der Reihe als wichtige Verbindung zur traditionellen Finanzwelt: Das von ihm damals geführte Unternehmen Cantor Fitzgerald verwahrte Staatsanleihen aus Tethers Reserven. Larry Finks BlackRock wiederum engagierte sich bei Circle und verwaltete über den Circle Reserve Fund einen Teil der USDC-Reserven. Auf der Bitcoin-Seite eröffnete BlackRocks börsengehandelter Fonds IBIT institutionellen Anlegern einen weiteren Zugang. Die alte Finanzwelt stand also keineswegs nur kopfschüttelnd vor der Tür des neuen Systems.
Für Menschen in Ländern mit instabiler Währung kann ein leicht zugänglicher Dollar-Token einen wirklichen Nutzen haben. Gerade dieser Nutzen macht ihn zum möglichen Vehikel einer weitergehenden Dollarisierung. Dazu braucht niemand seine Landeswährung offiziell abzuschaffen: Wenn genügend Menschen sparen, abrechnen und handeln, indem sie digitale Dollars verwenden, verändert sich die praktische Währungsordnung von unten. Die Privatentscheidung des einzelnen Nutzers kann in der Summe die Reichweite amerikanischer Finanzmacht vergrößern.
Die Autoren beziehen sich unter anderem auf Paul Ryan, der 2024 Stablecoins als zusätzliche Nachfragequelle für amerikanische Staatsschulden bewarb. Das ist der entscheidende Perspektivwechsel: Der Dollar könnte einen Teil jener Technik für seine Verbreitung nutzen, die einst als Weg aus seiner Vorherrschaft gefeiert wurde. Ob daraus eine tragfähige Antwort auf die US-Schuldenproblematik entsteht, bleibt eine andere Frage. Zusätzliche Käufer von Staatspapieren beseitigen die Schulden nicht. Sie erleichtern zunächst deren Finanzierung. [1, 4, 5]
Wer die Schlüssel verwahrt
Das Versprechen, selbst über digitale Vermögenswerte verfügen zu können, hängt wesentlich davon ab, wer die privaten kryptografischen Schlüssel besitzt. Sie erlauben die Autorisierung von Transaktionen. Wer sie einem Dienstleister überlässt, erhält Bequemlichkeit und gegebenenfalls professionelle Sicherung, macht sich aber von dessen Verwaltung abhängig. Diese Abhängigkeit ist keineswegs dadurch verschwunden, dass das verwahrte Gut Bitcoin heißt.
Wences Casares gründete Xapo 2014 als Anbieter für die sichere Aufbewahrung solcher Vermögen. Zu den Geldgebern und Unterstützern gehörten Persönlichkeiten aus dem PayPal- und Silicon-Valley-Umfeld. Im 2015 vorgestellten Beirat saßen Visa-Gründer Dee Hock, der frühere Citibank-Chef John Reed und der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers. Dieses Ensemble macht anschaulich, wie früh die vermeintliche Gegenwelt zur herkömmlichen Finanzwirtschaft mit deren erfahrensten Funktionsträgern zusammenfand.
2019 verkaufte Xapo sein institutionelles Verwahrungsgeschäft an Coinbase. Mit den 2024 in den USA eingeführten Bitcoin-Spot-ETFs gewann diese Infrastruktur zusätzlich an Bedeutung, denn mehrere Fonds nutzten Coinbase als Verwahrer. Anleger konnten nun bequem Wertpapiere erwerben, deren Wert an Bitcoin gekoppelt war, ohne selbst Schlüssel verwalten zu müssen. Der Zugang wurde einfacher; die Verfügung über die zugrunde liegenden Bestände konzentrierte sich bei spezialisierten Unternehmen.
Man muss hierbei präzise bleiben: Die Verwahrung großer Bestände bedeutet nicht, dass Coinbase oder BlackRock deshalb nach Belieben die Regeln des Bitcoin-Protokolls ändern könnten. Sie verschafft aber erhebliche Macht über die Nutzung der anvertrauten Vermögen und die Dienstleistungen, die Anleger benötigen. Wirtschaftliche Zentralisierung und technische Dezentralisierung können nebeneinander bestehen. Für den Kunden ist es im Konfliktfall wenig tröstlich, dass irgendwo auf der Welt Tausende Rechner ein offenes Netzwerk betreiben, wenn sein eigener Zugang durch einen zentralen Anbieter geregelt wird.
Webb und Goodwin sehen darin eine Wiederkehr vertrauter Strukturen: Aus dem Nutzer, der theoretisch seine eigene Bank sein könnte, wird wieder ein Kunde. Große Vermögen lassen sich in beaufsichtigte Verwahrungsdienste und Finanzprodukte integrieren. Der Staat muss das offene Protokoll dafür nicht abschaffen. Einfluss auf jene Unternehmen, über die sehr viele Menschen mit dem Protokoll in Berührung kommen, kann bereits beträchtliche Wirkung entfalten. [1]
Vom Zahlungsdienst zur Datenanalyse
Finanzdaten verraten weit mehr als einen Kontostand. Wiederkehrende Zahlungen können Beziehungen, Lebensgewohnheiten und organisatorische Verbindungen erkennen lassen. Werden sie mit Standortdaten oder Informationen aus sozialen Netzwerken zusammengeführt, entsteht ein wesentlich umfassenderes Bild einer Person. Deshalb behandeln die Autoren die Geschichte des digitalen Geldes zugleich als Geschichte der kommerziellen Datenerfassung.
PayPal entwickelte zur Betrugsbekämpfung unter anderem das als „Igor“ bekannte Analysesystem. Webb und Goodwin schildern, wie Erfahrungen aus dieser Arbeit in die Gründung von Palantir einflossen. Thiel und Alex Karp richteten dessen Werkzeuge auf die Auswertung und Verknüpfung großer Datenbestände aus; die CIA beteiligte sich über In-Q-Tel an der frühen Finanzierung. Levchin wiederum beschrieb die Zusammenarbeit PayPals mit Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden ausdrücklich positiv. Der Gegensatz zwischen einem angeblich grundsätzlich staatsfernen Silicon Valley und einem ausschließlich staatlichen Überwachungsapparat wird dadurch ziemlich fragwürdig.
Bill Gross und Idealab bilden einen weiteren Strang dieser Entwicklung. Die Reihe verfolgt den Weg von bezahlten Suchergebnissen und Werbepatenten zum Handel mit Nutzer- und Bewegungsdaten. Über UberMedia führt sie zu Near, dessen Daten auch über Auftragnehmer in den Sicherheitsbereich gelangten. Die Autoren untersuchen außerdem Verweise auf Gross’ Patente in Palantir-Patenten. Solche Verweise zeigen technische Bezugnahmen; sie beweisen für sich allein keine gemeinsame Leitung der Unternehmen. Politisch bedeutsam ist vor allem das Geschäftsmodell: Informationen, die im kommerziellen Alltag entstehen, können für Zwecke verwendet werden, die mit dem ursprünglichen Anlass ihrer Erhebung wenig zu tun haben.
Bei öffentlichen Blockchains kommt eine zusätzliche Eigenschaft hinzu. Viele Transaktionen sind dauerhaft sichtbar, zunächst unter kryptografischen Adressen. Das ist Pseudonymität, keine verlässliche Anonymität. Sobald eine Adresse etwa über eine identifizierte Börsennutzung einer Person zugeordnet werden kann, lassen sich weitere Verbindungen untersuchen. Nicht jede Überweisung wird dadurch automatisch eindeutig entschlüsselt; dennoch können einmal veröffentlichte Spuren auch Jahre später neue Aussagen ermöglichen. Das digitale Gedächtnis vergisst nicht schon deshalb, weil der Nutzer seinen Namen nicht daneben geschrieben hat.
Der ehemalige amtierende CIA-Direktor Michael Morell lobte die Blockchain-Analyse in einem von der Reihe herangezogenen Bericht entsprechend als wirksames Instrument für Ermittlungen und Informationsgewinnung. Verbrechensbekämpfung ist zwar ein legitimer Zweck, allerdings folgt daraus keine pauschale Rechtfertigung, die wirtschaftlichen Beziehungen ganzer Bevölkerungen möglichst lückenlos erfassbar zu machen. Genau diese Verschiebung verdient Aufmerksamkeit: Eine zweckgebundene Untersuchung und eine dauerhaft verfügbare Grundlage für umfassende Beobachtung sind verschiedene Dinge.
Webb und Goodwin gehen in ihrer historischen Deutung noch weiter. Sie stellen die untersuchten Netzwerke in eine Kontinuität von Geheimdiensten, organisierter Kriminalität und einflussreichen Finanzkreisen und behandeln dabei auch Beziehungen einzelner Akteure zu Jeffrey Epstein. Diese Ebene gehört zur Argumentation der Reihe, erfordert aber besondere Sorgfalt: Kontakte, gemeinsame Geldgeber oder institutionelle Überschneidungen belegen weder automatisch eine Beteiligung an Verbrechen noch einen einheitlichen Steuerungsplan. Die konkrete Gefahr konzentrierter Datenmacht lässt sich bereits an Finanzierungen, Geschäftsmodellen und technischen Zugriffsmöglichkeiten untersuchen. [1, 2, 4, 5]
Wie der Dollar in den Konsens eingreift
„Dezentral“ ist ein technischer Begriff und zugleich ein hervorragendes Werbewort. In der Werbung klingt er ungefähr so, als wäre Macht nun gleichmäßig über die Menschheit verstreut worden. Tatsächlich muss man fragen, welche Entscheidungen verteilt sind und an welchen Stellen weiterhin wenige Unternehmen die Bedingungen bestimmen. Ein Netzwerk braucht Hardware, Strom, Software und Verbindungen. Seine Nutzer greifen häufig auf dieselben Börsen, digitalen Geldbörsen und Dienstleister zurück.
Goodwin erläutert einen besonders wichtigen Mechanismus am Beispiel von Ethereum. Spaltet sich eine Blockchain aufgrund eines Konflikts in zwei fortgeführte Versionen, können die auf ihr verzeichneten Token zunächst auf beiden Seiten erscheinen. Die Bankreserven hinter einem Dollar-Stablecoin verdoppeln sich dadurch selbstverständlich nicht. Der Emittent muss festlegen, welche Version er als einlösbar anerkennt. Auf der anderen Seite können die kopierten Token ihren wirtschaftlichen Anspruch verlieren.
Damit besitzen die Herausgeber großer Stablecoins erheblichen Einfluss auf die wirtschaftlichen Folgen einer solchen Spaltung. Sie bestimmen nicht allein den technischen Konsens, können aber die Entscheidung für eine Variante stark begünstigen. Die Reihe verweist auf Tether und Circle, die 2022 beim Übergang Ethereums zum Verfahren „Proof of Stake“ die entsprechende Kette unterstützten. Ein System, das sich Unabhängigkeit von Banken auf die Fahnen schreibt, nimmt über dollarbesicherte Token wieder Abhängigkeiten von Emittenten und deren Finanzpartnern auf.
Beim „Proof of Stake“ hinterlegen Teilnehmer eigene Token, um an der Absicherung des Netzwerks mitzuwirken und Erträge zu erhalten. Goodwin kritisiert die mögliche Verfestigung einer vermögenden Betreibergruppe, zumal viele Nutzer ihre Beteiligung wiederum Dienstleistern überlassen. Der Tether-Mitgründer William Quigley beschrieb in einem angeführten Interview ausdrücklich eine Trennung zwischen einer Infrastrukturklasse und einer Verbraucherklasse: Die einen kümmern sich um Betrieb und Abstimmungen, die anderen verwenden die fertigen Angebote. Als Arbeitsteilung mag das bequem sein, als Versprechen gleicher Gestaltungsmacht taugt es aber deutlich weniger.
Die Reihe illustriert diese Probleme auch an Block.one und dessen EOS-Projekt. Zu den Unterstützern gehörten Thiel und weitere vermögende Investoren; die Token-Ausgabe nahm mehrere Milliarden Dollar ein. Goodwin schildert Vorwürfe gegenseitiger Abstimmungsabsprachen unter wichtigen Blockproduzenten sowie Konflikte um Eingriffe in Konten und Transaktionen. Einzelne Beteiligte bestritten die Vorwürfe. Für die übergreifende Argumentation genügt der Mechanismus: Wenn große Bestände Stimmgewicht verschaffen und wenige Beteiligte sich gegenseitig absichern, kann sich hinter einer verteilten Datenbank eine ziemlich übersichtliche Machtstruktur etablieren.
Hinzu kommt die Tokenisierung anderer Vermögenswerte, also die Abbildung von Ansprüchen auf einer Blockchain. Die Artikelreihe behandelt Pläne, etwa Wertpapiere oder Rohstoffe auf diese Weise handelbar zu machen. Das kann Abwicklung erleichtern, beseitigt aber nicht die Abhängigkeit vom Herausgeber und von den Institutionen, die den Anspruch außerhalb der Blockchain durchsetzen. Ein digitaler Eintrag ist noch kein unabhängiger Zugriff auf ein Grundstück oder einen Rohstoffbestand. Je mehr wirtschaftliche Beziehungen über solche Systeme laufen, desto wichtiger wird die Frage, wer ihre Regeln verwaltet. [2, 3, 5]
Facebooks gescheiterte Weltwährung und ihre Nachfolger
Für eine neue Geldordnung genügen Technik und Kapital nicht. Sie benötigt Menschen, die sie tatsächlich verwenden. Genau deshalb war Facebooks 2019 angekündigtes Libra-Projekt von besonderer Bedeutung. Mark Zuckerbergs Konzern verfügte über eine gewaltige Nutzerbasis und alltäglich genutzte Kommunikationsdienste. David Marcus, zuvor Präsident von PayPal, sollte helfen, daraus eine Infrastruktur für weltweite Zahlungen zu entwickeln. Im Libra-Verbund fanden sich unter anderem Xapo, Coinbase und die Risikokapitalgesellschaft Andreessen Horowitz des Tech-Investors Marc Andreessen wieder.
Der ursprüngliche Plan sah eine digitale Währung vor, die durch einen Korb aus Währungen und Finanzanlagen gestützt werden sollte. Regierungen und Aufsichtsbehörden reagierten mit erheblichen Vorbehalten. Neben Geldwäsche und Datenschutz stand die Währungssouveränität zur Debatte: Welche Macht würde ein privater Verbund erhalten, dessen Zahlungsmittel potenziell Milliarden Menschen erreichte? Facebooks Datenskandale waren dafür auch keine besonders überzeugende Empfehlung. Man hätte dem Konzern neben dem sozialen Beziehungsgeflecht seiner Nutzer noch einen wesentlich direkteren Zugang zu deren wirtschaftlichem Alltag eröffnet.
Unter politischem Druck wurde Libra mehrfach umgebaut, später in Diem umbenannt und auf ein stärker am Dollar orientiertes Modell ausgerichtet. Die Partnerschaft mit Silvergate sollte die Ausgabe ermöglichen; das eigenständige Währungsprojekt kam dennoch nicht zum regulären Marktstart. 2022 wurden Vermögenswerte und geistiges Eigentum an Silvergate verkauft. Parallel hatte Facebook mit der Novi-Geldbörse einen begrenzten Zahlungsversuch unter Verwendung eines von Paxos ausgegebenen Stablecoins unternommen.
Webb und Goodwin deuten diese Geschichte als mehr als eine Niederlage. Libra habe Behörden zu konkreten Entscheidungen gedrängt, regulatorische Grenzen sichtbar gemacht und Personal, Technik sowie Geschäftsmodelle hervorgebracht, die andernorts weiterverwendet wurden. Ihre stärkere These lautet, dass das Projekt möglicherweise von Anfang an vor allem eine solche vorbereitende Funktion erfüllen sollte. Ein später nützliches Ergebnis beweist allerdings noch keine ursprünglich beabsichtigte Niederlage. Sicher nachvollziehbar ist die Fortsetzung wesentlicher Ansätze nach dem Ende der Marke.
Charles Cascarillas Paxos spielt dabei eine zentrale Rolle. Das Unternehmen verband die Ausgabe digitaler Vermögenswerte mit aufsichtsrechtlich organisierter Infrastruktur für große Plattformen. Im August 2023 brachte PayPal mit Paxos den Dollar-Stablecoin PYUSD auf den Markt. Marcus arbeitete inzwischen mit Lightspark an Zahlungsdiensten auf Basis von Bitcoin und dem Lightning-Netzwerk. Was unter einem öffentlich umstrittenen Großprojekt nicht gelang, ließ sich in anderen organisatorischen Formen weiterverfolgen.
Die Autoren lenken damit den Blick auf eine häufig unterschätzte Kontinuität. Firmen können ein Projekt beenden, während seine wirtschaftliche Logik weiterlebt. Der Anschluss digitaler Zahlungen an bereits vorhandene Nutzergruppen bleibt attraktiv. Ob über soziale Netzwerke, Onlinehandel oder Überweisungsdienste: Die Menschen müssen nicht erst für ein völlig neues Finanzsystem gewonnen werden, wenn ihnen dessen Funktionen als praktische Ergänzung einer vertrauten Anwendung begegnen. [2, 4]
Krisen als Beschleuniger der Konzentration
Die Zusammenbrüche von Terra-Luna und FTX 2022 sowie die amerikanische Regionalbankenkrise 2023 bilden einen weiteren Schwerpunkt. Goodwin beschreibt sie als Auseinandersetzungen innerhalb eines eng verflochtenen Marktes, in dem sich Akteure um Kapital, Kunden und die künftige Rolle der Dollar-Token stritten. Hinter dem allgemeinen Schlagwort „Krypto“ standen sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle und gegensätzliche Interessen.
TerraUSD sollte seine Dollarbindung über einen Mechanismus mit dem Schwester-Token Luna halten. Das dazugehörige Angebot hoher Renditen lockte erhebliche Mittel an, erwies sich aber als nicht dauerhaft tragfähig. FTX wiederum war eine zentral geführte Börse, deren Verflechtung mit Alameda Research und Umgang mit Kundengeldern katastrophale Folgen hatte. Diese Fälle zeigen, wie wenig das Etikett „Krypto“ über die tatsächliche Sicherheit und Machtverteilung eines Angebots aussagt.
Die Autoren vermuten darüber hinaus, dass einflussreiche Beteiligte Zusammenbrüche gezielt ausgelöst oder für eine Neuordnung genutzt haben könnten. Hier muss zwischen drei Aussagen unterschieden werden: einer Krise, dem nachweisbaren Nutzen für bestimmte Konkurrenten und einer vorab geplanten Herbeiführung. Aus den ersten beiden folgt die dritte nicht automatisch. Die Serie formuliert an dieser Stelle eine weitergehende Hypothese, deren Beweislast durch personelle Überschneidungen allein nicht erfüllt wird.
Die Folgen der Krisen sind für ihre Hauptthese dennoch relevant. Nach den Verlusten verlangten Anleger und Politik stärkere Kontrolle. Anbieter, die bereits über Kapital, Lizenzen und politische Zugänge verfügten, konnten sich als seriöse Alternative präsentieren. Beim Bankansturm auf die Silicon Valley Bank spielten auch Abzugsempfehlungen aus dem Risikokapitalmilieu eine Rolle; die Bank hatte zugleich reale Risiken in ihrer Bilanz aufgebaut. Es bedarf keiner allmächtigen Regie, damit wirtschaftliche Interessen eine Krise verschärfen und anschließend von der Neuverteilung der Kunden profitieren.
Webb und Goodwin richten den Blick deshalb besonders auf die 2024 diskutierten Stablecoin-Gesetzentwürfe. Kirsten Gillibrand und Cynthia Lummis verbanden ihren Vorschlag ausdrücklich mit dem Ziel, die Vorherrschaft des Dollars zu erhalten. Vorgaben zu Reserven und Zulassung sollten Sicherheit schaffen, begünstigten nach Auffassung der Autoren aber auch bestimmte Geschäftsmodelle und erhöhten die Eintrittshürden. Ehemalige Aufseher in Unternehmensgremien und gut ausgestattete Lobbyorganisationen erleichterten den etablierten Anbietern den Zugang zu politischen Entscheidungen.
Darin liegt kein Argument gegen jede Aufsicht. Ohne wirksame Kontrolle lassen sich Kundengelder ebenso missbrauchen. Entscheidend ist, ob Regeln die Nutzer schützen und Wettbewerb ermöglichen oder vor allem den bereits Mächtigen ihre Stellung sichern. Der Staat kann ein Unternehmen begrenzen; er kann ihm aber auch den geschützten Markt organisieren. Wer „privat“ automatisch mit „frei“ und „staatlich“ automatisch mit dessen Gegenteil gleichsetzt, wird diese Form öffentlich-privater Machtbildung kaum erkennen. [3, 4]
Die entscheidende Frage bleibt die Verfügungsmacht
Besonders deutlich wird der Zusammenhang bei der Gegenüberstellung von Stablecoins und digitalem Zentralbankgeld, meist als CBDC bezeichnet. Rechtlich sind sie verschieden: Eine CBDC wäre eine Verbindlichkeit der Zentralbank, ein privat ausgegebener Stablecoin ist es nicht. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass die private Variante alle Kontrollprobleme verschwinden ließe. Dollar-Stablecoins können technische Möglichkeiten zur Sperrung enthalten; ihre Nutzung kann mit Identitätsprüfungen und der Analyse öffentlich sichtbarer Transaktionen verbunden sein.
Im US-Wahlkampf 2024 verband Donald Trump die Ablehnung einer CBDC mit der Förderung von Dollar-Stablecoins. Webb und Goodwin sehen darin die politische Anschlussfähigkeit des Modells: Kritiker staatlicher Digitalwährungen können angesprochen werden, während zugleich ein privat betriebenes System entsteht, das bestimmte Überwachungs- und Eingriffsmöglichkeiten ebenfalls bietet. Die Libra-Mitinitiatorin Morgan Beller beschrieb Stablecoins 2024 sogar als „Verteidigungstechnologie“. Die geopolitische Bedeutung wurde von Beteiligten also durchaus ausgesprochen.
Auch die „finanzielle Inklusion“ verdient deshalb einen zweiten Blick. Der Zugang zu Zahlungen und Krediten kann Lebensbedingungen verbessern. Werden dafür jedoch biometrische Identitäten, umfassende Datenerfassung und wenige zugelassene Plattformen zur Voraussetzung, stellt sich die Frage nach den Bedingungen dieser Teilhabe. Die Reihe behandelt in diesem Zusammenhang unter anderem Kiva und Omidyars Fördernetzwerk. Aus dem Versprechen, bisher Ausgeschlossene einzubeziehen, kann eine neue Abhängigkeit werden, wenn alternative Zugänge verschwinden oder wirtschaftliche Teilnahme jederzeit widerrufbar wird.
Goodwin zieht daraus in seiner Nachuntersuchung ausdrücklich keine pauschale Absage an Bitcoin. Er plädiert für Selbstverwahrung, eigenständige Transaktionsmöglichkeiten und technische Entwicklungen, die deren Nutzung auch für sehr viele Menschen erleichtern. Zugleich warnt er davor, die Dollar-Token und ihre Emittenten so tief in das System einzubauen, dass ausgerechnet deren Interessen seine weitere Entwicklung bestimmen. Die Unterscheidung zwischen dem Werkzeug und seiner institutionellen Vereinnahmung gehört wesentlich zu seiner Position.
Seine Erwartung, dass eine starke Aufwertung von Bitcoin in eine amerikanische Strategie zum Umgang mit Staatsschulden eingebaut werden könnte, bleibt dabei ein Zukunftsszenario. Sie ist weder eine notwendige Folge der Technik noch eine garantierte wirtschaftliche Entwicklung. Überzeugender als eine solche Prognose ist die Frage, wer von der bereits erkennbaren Kombination aus knappen Anlagegütern, Dollar-Zahlungsmitteln und konzentrierten Dienstleistungen profitieren kann.
Für die politische Beurteilung genügt deshalb weder Begeisterung über steigende Kurse noch reflexhafte Ablehnung jeder digitalen Neuerung. Ein Vermögensgewinn schützt nicht automatisch vor Überwachung. Ebenso wenig ist eine technisch elegante Zahlung schon ein Beweis gesellschaftlicher Freiheit. Man muss wissen, ob Menschen ihre Vermögen selbst verwalten, Anbieter wechseln, ihre Privatsphäre schützen und sich gegen Sperrungen wirksam wehren können. Auch die Möglichkeit, ohne digitale Plattform am wirtschaftlichen Leben teilzunehmen, gehört in diese Diskussion.
Das Verdienst der „Kette“ liegt darin, diese Machtfragen hinter der technischen Faszination wieder sichtbar zu machen. Nicht jede weitreichende Schlussfolgerung der Autoren muss deshalb als bewiesen gelten. Ihre zentrale Warnung bleibt dennoch bedenkenswert: Diejenigen, die Kontrolle über wichtige Teile der digitalen Wirtschaft aufgebaut haben, verlieren dieses Interesse nicht plötzlich, sobald das Wort „Blockchain“ auf dem Geschäftsmodell steht. Sie können dieselbe Technik nutzen, die andere mit der Hoffnung auf Selbstbestimmung verbinden.
Ein neues Zahlungssystem verdient Vertrauen daher nicht aufgrund seiner Werbesprache, sondern aufgrund der Rechte und tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten seiner Nutzer. Wenn die Bevölkerung am Ende nur noch zwischen verschiedenen Oberflächen derselben Abhängigkeit wählen darf, wäre die versprochene Befreiung reichlich bescheiden ausgefallen. Dafür brauchte es nun wirklich keine Revolution. Ein neues Passwort hätte genügt. [4, 5]
Quellen
[1] Whitney Webb und Mark Goodwin: Die Überwachungskette – Die „Mafia“ hält die Bitcoins der Elite.
[3] Mark Goodwin: Die Konsenskette – Das Kartell hinter der Blockchain.
[5] Mark Goodwin: Die Kette (herunter)brechen – Eine Nachuntersuchung.
Die Beiträge erschienen 2024 bei Unlimited Hangout; deutsche Fassungen auf meiner Webseite (siehe obige Links). Die Verweise beziehen sich auf diese Artikel und die darin angeführten Belege.