Oktober 1, 2026

Carl Jung: Psychologe oder Schamane im Dienste der nationalsozialistischen Hohepriester? – Matthew Ehret

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Ehret

Quelle: (15) Carl Jung: Psychologist or Shaman for the Nazi High Priesthood?

Anmerkung meinerseits: Ehrets Artikel, bei dem es sich um einen Auszug aus einem seiner Bücher handelt, geht leider mit keinem Wort auf die erklecklichen intellektuellen Defizite der Nationalsozialisten ein, die Hermetik bzw. Hermetistik und Gnostizismus völlig falsch verstanden und für ihre rassischen, eugenischen und suprematistischen Vorstellungen entstellt und pervertiert haben. Ich kenne das Buch nicht, daher gehe ich davon aus und hoffe, dass Ehret an anderer Stelle – hoffentlich – darauf eingeht. Jedenfalls erkennt man aus den hier wiedergegebenen Zitaten von NS-Ideologen klar und eindeutig, dass die Nazis nicht den geringsten Sinn für die subtilen allegorischen und philosophischen Bedeutungen weder des Gnostizismus noch der hermetistischen Lehre hatten. Ein einziges Beispiel mag genügen: Statt sich vom „Bewussten“ abzuwenden und dem „kollektiven Unbewussten“ hinzugeben, geht es in Wahrheit um die genau umgekehrte Richtung: Dass der Mensch im Laufe seines zivilisatorischen Entwicklungsprozesses bewusster wird, sprich, seine „dunklen Triebe“, das Unbewusste, die rohe, ungeschlachte, unkontrollierte Energie in ihm ins Bewusste holt, um somit ein selbstbestimmteres, freieres Dasein führen zu können. Es geht also um zunehmende „Selbstmeisterschaft“ bzw. Selbstkontrolle. Man könnte auch sagen, eine „Selbstdomestizierung“ oder „Pazifizierung“ des Menschen aus dem Barbarischen ins Zivilisierte. Die kollektivistische Natur der NS-Ideologie macht allerdings völlig verständlich, warum sie diese Lehre natürlich ins perverse Gegenteil verkehrten und suggerierten, der Mensch müsse sich quasi vom „Herdentrieb“ leiten lassen und „einem Führer folgen“. Es handelt sich dabei also um einen lupenreinen kollektivistischen Massenformierungs- und Gefolgschaftskult: Der Einzelne soll lediglich „folgen“ („Führer befiehl, wir folgen Dir!“) und sein indidviduelles Denken und seinen moralischen und ethischen Kompaß dem Kollektiv unterstellen.


„Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus bitter süß und aus süß bitter machen!“

– Jesaja 5,20

So peinlich dies für heutige Jungianer auch sein mag: Tatsache ist, dass Carl Jung auch ein Rassist war, der 1934 eine Abhandlung über die absolute Kluft zwischen der deutschen beziehungsweise arischen und der jüdischen Psyche verfasste, die die Herausbildung der aufstrebenden Nazipartei stark beeinflusste.

In seinem Artikel „Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie“ von 1934 erklärt Jung:

„Die Unterschiede, die tatsächlich zwischen germanischer und jüdischer Psychologie bestehen und die verständigen Menschen seit Langem deutlich sind, sollen nicht länger verschleiert werden … Die jüdische Rasse als Ganzes besitzt ein Unbewusstes, das sich mit dem arischen nur unter Vorbehalt vergleichen lässt. Von schöpferischen Individuen abgesehen, ist der durchschnittliche Jude viel zu bewusst und differenziert, um mit den Spannungen ungeborener Zukünfte schwanger zu gehen. Das arische Unbewusste hat ein höheres Potenzial als das jüdische; das ist sowohl der Vorteil als auch der Nachteil einer Jugendlichkeit, die sich noch nicht ganz von der Barbarei gelöst hat … Der Jude, der etwas von einem Nomaden hat, hat noch nie eine eigene Kulturform geschaffen und wird, soweit wir sehen können, auch niemals eine schaffen.“

Jungs Denken inspirierte sogar Hermann Göring und dessen Vetter Matthias Göring, der durch sein Göring-Institut und die Internationale Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie, deren Präsident Jung von 1933 bis 1939 war, die Kontrolle über das Gebiet der Psychologie in Deutschland übernahm.[1]

Der Historiker Saul Singer schreibt in „Carl Jung: Kabbalist And Anti-Semite?“:

„1933, kurz nach der Machtübernahme der Nazis, übernahm Jung die Präsidentschaft der Deutschen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie. In der Dezemberausgabe 1933 des Zentralblatts, der Zeitschrift der Gesellschaft, erschien ein Leitartikel, der die Nazi-Ideologie pries, jedem praktizierenden Psychotherapeuten vorschrieb, Hitlers Mein Kampf als grundlegendes Nachschlagewerk zu verwenden, und Jungs Theorien archetypischer Kulturmuster zur Rechtfertigung der Überlegenheit der arischen Rasse anführte. Obwohl Jung behauptete, dieser Leitartikel sei ohne seine Zustimmung von Matthias Göring, dem Leiter der organisierten Psychotherapie im nationalsozialistischen Deutschland und einem Vetter Hermann Görings, veröffentlicht worden, publizierte er nie einen nachfolgenden Leitartikel, der den ersten zurückgewiesen hätte; ebenso wenig distanzierte er jemals die Gesellschaft – oder sich selbst – von diesem unverhohlenen Antisemitismus, noch legte er aus Protest sein Amt nieder.“[2]

Jung verteidigte sogar bekanntermaßen die Vorstellung, Hitler sei eine Art Inkarnation oder Avatar Wotans, und beschrieb den fehlenden freien Willen des Führers bei der Lenkung Nazideutschlands damit, dass dieser buchstäblich vom „kollektiven Unbewussten seiner Rasse“ besessen sei. Jung schreibt:

„Hitler ist ein geistiges Gefäß, eine Halbgottheit; besser noch: ein Mythos. Benito Mussolini ist ein Mensch.“ Jung, so erläuterte Goodrick-Clarke, verglich Hitler mit Mohammed, dem Messias Deutschlands, der die Tugend des Schwertes lehre. „Seine Stimme ist die von mindestens 78 Millionen Deutschen. Er muss schreien, selbst im privaten Gespräch … Die Stimme, die er hört, ist die des kollektiven Unbewussten seiner Rasse.“[3]

An diesem Punkt folgte die Logik des führenden Philosophen Nazideutschlands, Martin Heidegger, Jungs Analyse, als er seine Theorie der „Geworfenheit“ entwickelte. Diese besagte im Wesentlichen, dass kein Mensch für seine Lebensentscheidungen verantwortlich gemacht werden könne, da Menschen gegen ihren Willen in die Welt „geworfen“ würden und somit vollständig von den gesellschaftlichen Archetypen und Verhaltensnormen geprägt seien, die in jeder Epoche und jeder ethnischen Rasse vorherrschten.

Vielleicht überrascht es auch nicht, dass Martin Heidegger ebenfalls bei den Eranos-Tagungen als Referent auftrat, wo sich der nihilistische Philosoph unter theosophische Spiritualisten und Okkultisten mischte.

Der Okkultismus der Thule-Gesellschaft in Deutschland

Es sei darauf hingewiesen, dass Adolf Hitler selbst Okkultist war und von seinem persönlichen Guru Dietrich Eckart in die „Geheimlehren“ eingeweiht worden war. Eckart schrieb auf einem Treffen der Thule-Gesellschaft im Jahr 1923 über seinen jungen Eingeweihten:

„Folgt Hitler. Er wird tanzen, aber ich bin es, der die Melodie angestimmt hat! Ich habe ihn in die ‚Geheimlehre‘ eingeweiht, seine Zentren für Visionen geöffnet und ihm die Mittel gegeben, mit den Mächten zu kommunizieren. Trauert nicht um mich: Ich werde die Geschichte stärker beeinflusst haben als irgendein anderer Deutscher.“[4]

Im letzten Kapitel von Mein Kampf schrieb Hitler über seinen Mentor:

„Ich möchte den Namen eines Mannes nennen, der sein Leben durch seine Schriften und seine Gedanken und schließlich durch tatkräftiges Handeln der Wiedererweckung seines und unseres Volkes widmete. Ich meine: Dietrich Eckart.“

Bei ihrer Beschreibung der von Eckart geführten mythischen „Thule-Gesellschaft“ – eines Brennpunkts der Religion, die alle Mitglieder der obersten Naziführung teilten – verweisen die Forscher Louis Pauwels und Jacques Bergier in „Aufbruch ins dritte Jahrtausend“ (1960; englischer Titel: The Morning of the Magicians) auf Eckarts Einfluss. Dort schreiben sie:

„Thule galt als das magische Zentrum einer untergegangenen Zivilisation. Eckardt und seine Freunde glaubten, dass nicht alle Geheimnisse Thules untergegangen seien. Wesen, die zwischen dem Menschen und anderen intelligenten Wesen aus dem Jenseits standen, würden den Eingeweihten [d. h. den Mitgliedern der Thule-Gesellschaft] ein Reservoir an Kräften zur Verfügung stellen, aus dem geschöpft werden könne, um Deutschland die Weltherrschaft zu ermöglichen … [Seine] Führer würden Männer sein, die alles wüssten, ihre Kraft aus der Urquelle der Energie selbst bezögen und von den Großen der Alten Welt geleitet würden.“

Diese Kosmologie der „Geheimlehre“ und der übernatürlichen Wesen „aus dem Jenseits“, die Eingeweihten zur Weltherrschaft verhelfen, ist reine Theosophie – in diesem Fall an die deutsche Psyche angepasst. Zu den Praktiken der Thule-Gesellschaft gehörte der Glaube an ein mystisches Fluidum namens „Vril“, dessen Name aus einem britischen Roman mit dem Titel „The Coming Race“ („Das kommende Geschlecht“) stammte, verfasst vom Rosenkreuzer-Hohepriester Sir Edward Bulwer-Lytton.

Für die Nazi-Okkultisten, die den Faschismus des 21. Jahrhunderts hervorbrachten, war Bulwer-Lyttons Fantasieroman über eine uralte Rasse von Überwesen, die im Inneren der hohlen Erde lebt, menschenähnliche Roboter telepathisch befehligt und sich darauf vorbereitet, die weniger weit entwickelte Menschenrasse an der Oberfläche zu überfallen, ein lebendiges Evangelium.

Die Mitglieder der Thule-Gesellschaft bemühten sich, die von Bulwer-Lyttons rosenkreuzerischen Anhängern entwickelten magischen Rituale auszuüben, und organisierten ein Netzwerk von Hexen, die mit der Fähigkeit ausgestattet waren, dämonische Botschaften für ihre arischen Hexenmeister als Führungspersonen zu kanalisieren – begleitet von einem Übermaß an Sexualriten, Orgien, Opfern und Drogen.

Eckarts Thule-Gesellschaft übte einen bedeutenden Einfluss auf die führenden Kreise der obersten Naziführung aus, die 1933 die Kontrolle über Deutschland übernahm. Zu ihnen gehörte Heinrich Himmler, das Oberhaupt des Neutemplerordens.

Die Neutempler auf der Wewelsburg

Die Neutempler Deutschlands waren eng mit Aleister Crowley und Dr. Franz Hartmann, dem Leiter der Deutschen Theosophischen Gesellschaft, verbunden; beide waren regelmäßige Besucher des Monte Verità.

Der Orden wurde 1907 offiziell von einem Anhänger der Theosophie namens Lanz von Liebenfels gegründet, der auch die okkulte Zeitschrift „Ostara“ ins Leben rief. Sie fand im jungen Adolf Hitler einen begeisterten Abonnenten.

Lanz von Liebenfels im Zisterziensergewand neben dem Emblem des von ihm 1907 gegründeten Neutemplerkults

Liebenfels und seine Zeitschrift Ostara machten Blavatskys theosophische Kosmologie und rassistische spirituelle Eugenik einem deutschen Publikum bekannt. Dabei betonten sie im Wesentlichen das nordische, heidnische Wotan-Ethos anstelle des von den Theosophen vertretenen Vorrangs der indischen Kosmologie. Die Organisation, die Liebenfels gemeinsam mit Otto von List gründete, trug den Namen „Die Ariosophen“ und verwendete weiterhin östliche Symbolik, darunter die Swastika, neben einer Reihe druidischer Runen.

Liebenfels war selbst Zisterziensermönch gewesen und gründete seinen Neutemplerorden auf zisterziensischen Prinzipien – ähnlich wie die ursprünglichen Templer, die Anfang des 12. Jahrhunderts von dem zisterziensischen Großstrategen Bernhard von Clairvaux ins Leben gerufen worden waren.

Den ersten Hauptsitz des Ordens richtete Liebenfels auf Burg Werfenstein ein, die mit Verzierungen zu Ehren von Hugues de Payens, dem ersten Großmeister der Templer, ausgestattet war.

1934 pachtete Heinrich Himmler die verfallene Wewelsburg für 100 Jahre und ließ sie renovieren, um sie zum Zentrum des neuen Weltreichs zu machen. Himmler ließ überall in der Burg Hakenkreuze und heidnische Symbolik anbringen und machte sie vor und während des Zweiten Weltkriegs zum Hauptquartier seiner hochrangigen Neutempler-Eingeweihten. Für den Boden eines zentralen Turms gab Himmler ein Symbol der Schwarzen Sonne aus Marmor in Auftrag.

Die Wewelsburg. Rechts der „Obergruppenführersaal“. In der Mitte des Saals ist eine schwarze Sonne dargestellt. Die Schwarze Sonne oder Zentralsonne ist ein esoterisch-okkultes Symbol. Das Konzept der Schwarzen Sonne wurde von Blavatsky in Die Geheimlehre eingeführt. Sie erscheint als unsichtbares Zentrum des Universums, als Ursache und Ursprung allen Seins – das, was die Gnostiker das „schöpferische Licht“ nannten. Bei Blavatsky wird das Konzept des „schwarzen Lichts“ ausschließlich der geheimen arischen Lehre zugeschrieben, die aus dem hohen Norden gebracht worden sei. Blavatsky verband die Kultriten dieser „Zentralsonne“ mit dem sagenhaften alten Volk, das angeblich jenseits des Polarkreises lebte.

B. P. Perry schreibt in „The Nazi Castle Designed to be the Center of the World“ („Die Naziburg, die als Mittelpunkt der Welt konzipiert war“):

„Himmlers Pläne für die Wewelsburg wurden im Laufe der Jahre immer umfassender. Er stellte sich einen gewaltigen Gebäudekomplex vor, in dessen Zentrum die Burg stehen sollte. Dieser sollte ‚Mittelpunkt der Welt‘ heißen und der Ort sein, von dem aus die siegreichen Nazis nach dem gewonnenen Krieg über ihr riesiges Reich herrschen würden. Die Burg sollte nicht nur ein Forschungs- und Gehirnwäschezentrum sein, sondern auch zu einem Ort werden, an dem hochrangige SS-‚Ritter‘ zusammenkommen könnten, um okkulte Rituale durchzuführen, und an dem die sterblichen Überreste gefallener SS-Offiziere für alle Ewigkeit beigesetzt würden.“

In „The Wewelsburg Effect“ schreibt Oded Heilbronner:

„Die Wewelsburg rückte zunehmend als geheimes Einweihungszentrum für die Rituale der SS in den Mittelpunkt, wo die höchsten Eingeweihten nach dem Vorbild der Artusritter zusammenkamen. Sie war ‚das magische und spirituelle Zentrum des Ordens, das magische Zentrum der neuen Thule[-Gesellschaft], … das Nervenzentrum des Schwarzen Ordens, wo dessen heiligste und geheimste Riten von seinen höchsten Eingeweihten vollzogen wurden‘, sowie ein Laboratorium, aus dem der Volkskörper des germanischen Göttervolkes hervorgehen sollte.“

Besessen von den Gralsmythen um Parzival und König Artus’ Tafelrunde, gestaltete Himmler seine innere SS-Priesterschaft nach dem Vorbild der zwölf Artusritter, die sich in einer kreisförmigen Kammer, der sogenannten „Krypta“, um eine ewige Flamme versammeln sollten. Zwei der Räume in der Burg trugen die Namen „Der Gral“ und „König Artus“.

Bis 1935 hatte Himmler durch die Gründung des Ahnenerbes – der Forschungs- und Lehrgemeinschaft für das Erbe der Vorfahren –, das er bis zum Kriegsende leitete, die vollständige Kontrolle über sämtliche Zweige der Naziwissenschaft übernommen. Diese Einrichtung sollte alle Wissenschaftsgebiete, insbesondere Anthropologie, Geologie, Agrarwissenschaft und Archäologie, nach einem heidnischen, von den Nazis gebilligten Deutungsraster neu organisieren.

Die Krypta – links die mit einem Hakenkreuz geschmückte Decke, rechts der Boden – ist Himmlers Version von König Artus’ Tafelrunde.

Heinrich Himmler, ein führendes Mitglied der deutschen Nazipartei

Mit nahezu unbegrenzten Mitteln schickte Himmler Anthropologenteams aus, um in Tibet nach den Ursprüngen der arischen Wurzelrasse zu suchen. Der SS-Offizier Ernst Schäfer schlich sich illegal nach Tibet ein, freundete sich mit dem Dalai Lama an und vermaß akribisch die Schädel von Tibetern. Schäfers Team erhielt außerdem den Auftrag, Sexualpraktiken, okkulte Riten des esoterischen tibetischen Buddhismus und Rituale der Priester zu erfassen, darunter die Verwendung menschlicher Haut für dekorative Möbel. Er wurde zudem damit beauftragt, den sagenhaften Yeti aufzuspüren.

Himmler entsandte auch Teams, um in der Antarktis den Eingang zur hohlen Erde und in den südamerikanischen Anden die vermeintlichen Kolonien von Atlantis zu suchen.

Als romantischer Gralsritter und Anhänger der Templer, die sich den Ausgrabungen am Standort des salomonischen Tempels verschrieben hatten, stellte Himmler gewaltige Mittel für die Entdeckung des Heiligen Grals bereit, aus dem Jesus beim Letzten Abendmahl getrunken hatte und der jedem, der daraus trank, ewiges Leben versprach. Himmler engagierte den ebenfalls von Wagner begeisterten Otto Rahn, um die Expedition zu leiten. Wie die freimaurerische Forschungsloge Quatuor Coronati von Sir Charles Warren und König Eduard VII. widmete sich auch Himmler der Suche nach der verschollenen Bundeslade unter dem salomonischen Tempel.[5]

Otto Rahn und der gnostische Gral

Nach der Rückkehr von einer seiner Ausgrabungen in Palästina, denen eine frühere Suche in der Katharerburg Montségur vorausgegangen war, verfasste Rahn für Himmler und die Neutempler einen Bericht mit dem Titel „Luzifers Hofgesind“. Dieser Bericht beschrieb die Katharer als eine „reine“ christliche Sekte, die den Luziferianismus praktiziert habe, bevor sie während des Albigenserkreuzzugs von 1209 von der katholischen Kirche ausgelöscht worden sei.

Rahn schreibt:

„Der antike Gott der Liebe ist auch der Herr des Frühlings, wie er im griechischen Mythos von Apollon personifiziert wird, der das Licht der Sonne zurückbrachte; er ist ein Lichtträger oder ‚Luzifer‘. Nach der Apokalypse des Johannes wurde Apollon mit dem Teufel gleichgesetzt … In der Welt gibt es viel mehr Licht als in den Gotteshäusern – Kathedralen und Kirchen –, die Luzifer weder betreten kann noch betreten möchte, wegen der düsteren Buntglasfenster, auf denen die jüdischen Propheten und Apostel, die römischen [katholischen] Götter und Heiligen dargestellt sind.“[6]

Oben: Dr. Bruno Beger und Dr. Ernst Schäfer, Offiziere des Ahnenerbes, werden 1938 in Lhasa von tibetischen Würdenträgern empfangen. Unten: Ein Phrenologe des Ahnenerbes vermisst das Gesicht eines Tibeters.

Die Schäden Karls des Großen rückgängig machen

Eine weitere führende Figur in Himmlers Ahnenerbe war der völkische Archäologe Wilhelm Teudt, der ausdrücklich den fränkischen König Karl den Großen dafür verantwortlich machte, dass die Deutschen ihren reinen heidnischen Geist verloren hätten. In seinem Werk „Germanische Heiligtümer“ von 1929 schreibt Teudt:

„Wir müssen uns von dem Glauben lösen, die römische Kirche habe unter dem fränkischen Kaiser Karl [auch bekannt als Karl der Große – Anm. d. Red.] den barbarischen Stämmen Deutschlands die Zivilisation gebracht. Das alte Bild unserer Vorfahren – primitive und unverständliche Sitten, verkümmerte, trotzige und wilde Gestalten, zerlumpte, dürftige Kleidung aus schlecht bearbeiteten Fellen … – weicht vertrautem, feierlichem Verhalten, dem gepflegten Erscheinungsbild von Menschen bei einem Fest, in eleganter, ordentlich gefertigter Kleidung, darunter gut geschneiderte Gewänder aus Leinen, Wolle und Hanf. Prächtige Pelze, reicher Schmuck aus Gold, Silber, Bernstein und Bronze. Lebhafter, ausdrucksvoller, melodischer Gesang, aus dem unsere besten und vertrautesten Volkslieder auf uns gekommen sind, begleitet von technisch vollendeten, wohlklingenden Instrumenten.“[7]

Beim Lesen von Teudts Worten vergisst man beinahe völlig die Vergewaltigungen, Plünderungen und massenhaften Menschenopfer, die unter den Wotan verehrenden Wikingern des 8. Jahrhunderts verbreitet waren.

Zionismus als Grundlage einer neuen Ordnung

Während seiner Leitung des Ahnenerbes arbeitete Himmler eng mit Adolf Eichmann zusammen, dem für „Judenangelegenheiten“ zuständigen leitenden Minister, der die Einrichtung des Ghettosystems in Deutschland überwachte. Eichmann beteiligte sich auch an der Unterzeichnung des Haavara-Abkommens von 1933 mit dem Britischen Empire, das die Unterstützung der Nazis für die Überführung von Juden in das britische Mandatsgebiet Palästina zur Vorbereitung der Gründung eines jüdischen Staates festschrieb. Die unten abgebildete, 1933 von Nazideutschland geprägte Gedenkmünze würdigte dieses Abkommen.

Die Jewish Virtual Library hält fest:

„Der Haavara-Transfer trug wesentlich dazu bei, die Einwanderung von etwa 60.000 deutschen Juden nach Palästina in den Jahren 1933–1939 zu ermöglichen und – zusammen mit dem von den Einwanderern selbst investierten Geld – einen Anreiz für die Ausweitung der landwirtschaftlichen Besiedlung und die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen. Er diente auch als Vorbild für eine ähnliche Vereinbarung mit der tschechischen Regierung und für die Einwanderung mehrerer Tausend Juden am Vorabend des Zweiten Weltkriegs.“[8]

Vor seiner Hinrichtung befragte das Magazin „Life“ Adolf Eichmann, der Hebräisch gelernt hatte, um die Kabbala zu studieren, zu seinem Verhältnis zum Zionismus. Eichmann erklärte:

„Wäre ich Jude gewesen, wäre ich ein fanatischer Zionist gewesen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, etwas anderes zu sein. Tatsächlich wäre ich der glühendste Zionist gewesen, den man sich vorstellen kann.“[9]

Als sich der Krieg dem Ende näherte, gab Himmler den Befehl, die Wewelsburg zu sprengen. Dies geschah wenige Tage, bevor die alliierten Streitkräfte sie einnehmen konnten, und begrub viele ihrer dunklen Geheimnisse. Doch man verlor keine Zeit, die Burg mit Mitteln des Marshallplans wiederaufzubauen, und bis 1950 wurde sie in ein Museum und das größte Jungenheim Deutschlands umgewandelt.

Seltsamerweise wurden viele okkulte Symbole und Räume wiederhergestellt, und die Burg diente weiterhin als okkultes Zentrum, in dem bis heute satanische Rituale durchgeführt werden. Ob die Anwesenheit Tausender Jungen ohne Familien, die an einem einzigen, günstig gelegenen Ort untergebracht waren, bei diesen okkulten Ritualen eine Rolle gespielt hat oder nicht, ist nach Kenntnis des Autors bislang nicht angemessen untersucht worden.

Einer der wichtigsten Satanisten, die die Wewelsburg zum Zentrum ihrer okkulten Nazierneuerung machten, hieß Michael Aquino.

Michael Aquino: Reinkarnation Aleister Crowleys

Michael Aquino wurde in den frühen Tagen des Vietnamkriegs in einen von Anton LaVey geleiteten satanischen Hexenzirkel in Kalifornien eingeweiht. 1968 war er im Rahmen der Operation Phoenix unmittelbar dem Spezialisten für psychologische Kriegführung Edward Lansdale unterstellt. Dort half Aquino, die Ermordung von über 40.000 Zivilisten zu beaufsichtigen, deren Existenz angeblich dem Vietcong zugutekam. Die Operation Phoenix war auf psychologische Kriegführung, Folter, Terror und Massenmord spezialisiert und entwickelte die inzwischen berüchtigte Philosophie weiter, „das Dorf niederzubrennen, um das Dorf zu retten“.

Der Forscher Anthony Forwood schreibt:

„Dieses mörderische Programm psychologischer Operationen führte dazu, dass Legionen kaltblütiger psychopathischer Mörder hervorgebracht wurden, die als völlig andere Menschen in die USA zurückkehrten, als sie es bei ihrer Abreise gewesen waren. Viele von ihnen gerieten während oder nach ihrer Beteiligung am Phoenix-Programm in den Satanismus. Und Michael Aquino war da, um sie hineinzuführen. Bald nachdem diese Mörder heimzukehren begannen, nahm eine stetig wachsende Zahl entsetzlicher Serienmorde mit satanischen Untertönen ihren Anfang, deren Schwerpunkt im Süden Kaliforniens lag – wo Michael Aquino seit jeher lebte.“[10]

1966 war Aquino Anton LaVeys Church of Satan beigetreten, doch nach seiner Rückkehr aus Vietnam hatte er ein mystisches Erlebnis. Zur Sommersonnenwende am 21. Juni 1975 führte Aquino ein „magisches Ritual“ durch und erklärte in seinem Buch „The Coming Forth by Night“, Satan sei ihm in der Gestalt Seths erschienen und habe den Äon des Seth ausgerufen. Satan habe Aquino erklärt, dieses Äon habe 1904 während Aleister Crowleys berüchtigtem „magischen Ritual“ in Kairo begonnen, als Satan in Gestalt von Aiwass erschien.

Dies sollte das Zeitalter des Auslebens der Begierden sein, das Crowley „Das Zeitalter des Horus“ nannte und aus dem dann das „Zeitalter der Erleuchtung“ hervorgehen sollte, das Aquino zufolge „Das Zeitalter des Seth“ war.

In der ägyptischen Mythologie war Seth die dritte von fünf ursprünglichen Gottheiten und stand für Chaos, Gewalt, Zerstörung und Verwirrung. Seth war der erste Mörder: Aus Eifersucht auf seinen älteren Bruder Osiris ermordete er den König und trachtete dessen Sohn Horus nach dem Leben.

In der gnostischen Literatur des 2. Jahrhunderts, die Carl Jung und seine Eranos-Anhänger popularisierten, wird die Gestalt Seth zu jener Gottheit umgedeutet, die Sodom und Gomorra mit Lebensenergie beseelte und sich in einer sehr dunklen und geheimnisvollen Version Jesu inkarnierte, dessen Mission darin bestand, seine Jünger von den Fesseln der bösen materiellen Welt zu befreien. Solche Eingeweihten würden zu vergöttlichten, individualisierten Wesen werden, denen es freistünde, „Tu, was du willst“ als das ganze Gesetz zu betrachten.[11]

Nach seinem mystischen Erlebnis gelangte Aquino zu der Überzeugung, der neue dunkle Messias des New Age zu sein, und hielt sich außerdem für die Reinkarnation Crowleys. Nachdem er diesen Auftrag Satans angenommen hatte, ließ Aquino seinen Haaransatz zu einer Spitze formen, sich „666“ unter die Kopfbehaarung tätowieren und seine Augenbrauen nach dem Vorbild eines Fotos von Aleister Crowley gestalten.

Außerdem führte er das umgekehrte Fünfeck als Symbol seiner Gruppe ein und gründete den Temple of Seth als Abspaltung; 28 Mitglieder von LaVeys Church of Satan nahm er als Gründungspriester mit. Aquino übernahm zudem Grade nach dem Vorbild des „Hermetic Order of the Golden Dawn“ und nahm den Titel Ipsissimus an, an der Seite seiner persönlichen heiligen Hexe Lilith Sinclair, die als Hohepriesterin des Kults fungierte. Als Oprah Winfrey ihn 1988 bat, den Gott zu beschreiben, den er verehre, antwortete Aquino: „Wir sind keine Diener irgendeines Gottes; wir sind unsere eigenen Götter.“

1982 schrieb Michael Aquino, damals Major der US-Armee und Aufseher über die „Revolution im Militärwesen“, in einem Essay mit dem Titel „The Wewelsburg Working“ („Das Wewelsburg-Ritual“) über seine eigene Ausübung dunkler Rituale in Himmlers Wewelsburg:

„Datum/Uhrzeit: 19. Oktober, XVII/15.00–16.30 Uhr. Ort: Totenhalle/‚Walhalla‘, Nordturm, Wewelsburg, Deutschland. Schlüssel: 19. Teil des Wortes des Seth, Aethyr Lil … Da Heinrich Himmler die Wewelsburg als ‚Mittelpunkt der Welt‘ konzipiert hatte und der Brennpunkt der Totenhalle das Tor zu diesem Zentrum sein sollte: die Mächte der Finsternis an ihrem mächtigsten Ort zu beschwören.

Was aus diesem Ritual hervorging, war kein geschriebener Text wie das „Book of Coming Forth by Night“ oder das „Word of Seth“, sondern vielmehr eine zweifache Empfindung: erstens der sogartige Eindruck eines Einströmens bestimmter Erkenntnisse und Wissensformen …, die bis zu einem „aktivierenden“ Ritual dieser Art „geruht“ zu haben schienen. Zweitens ein ausgedehnter „Nachhall“ oder ein Widerhallen des Brennpunkts dieses Rituals innerhalb der Walhalla, das schließlich in seiner Aussendung in die materielle Welt gipfelte.

„Die zentralen Merkmale der verschiedenen maßgeblichen Okkultismen des 19. und 20. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung zogen nahezu wie ein Festzug durch mein Bewusstsein. Ich verstand dies als ein Offenlegen von Gegensätzen, Ungenauigkeiten und Widersprüchen – eine gewaltige, spiralförmige Dialektik, die darauf abzielte, auf der Suche nach den Schlüsselprinzipien der wahren Mächte der Finsternis die Trümmer von Sektierertum und Oberflächlichkeit wegzuräumen.“

Der Autor okkulter Schriften Peter Levenda schreibt über Aquinos Einleitung einer „satanischen Renaissance“ auf der Wewelsburg:

„[Aquino] besuchte die Wewelsburg Anfang der Achtzigerjahre und war von Himmlers okkulter Fantasiewelt, die zum Teil noch erhalten war, entsprechend beeindruckt. Bei einem seiner Besuche vollzog er im Nordturm der Burg ein magisches Ritual, das dazu bestimmt war, die Macht der Wewelsburg auf den Rest der Welt loszulassen: die nächste Phase der menschlichen Evolution in Gang zu setzen.“[12]

Michael Aquino diente bei den Green Berets und war in den 1970er-Jahren NATO-Verbindungsoffizier in mehreren europäischen Ländern. Er war Gründer und Hohepriester des Temple of Seth und propagierte den „theistischen Satanismus“. Aquino war außerdem Spezialist für psychologische Kriegführung beim militärischen Nachrichtendienst sowie Offizier der US-Armee.

1987 hieß es in einem Artikel des San Francisco Chronicle über Aquinos Nazirituale:

„Die Nazis betrachteten die schwarzen Künste und die Satansverehrung als Teil einer alten germanischen Tradition. In seinem Buch Crystal Tablet of Set schreibt [Aquino], er habe die Rituale durchgeführt, um für die Anhänger Satans einen Ritterorden neu zu schaffen.“

Obwohl Aquino nominell mit LaVeys Church of Satan gebrochen hatte, unterstützten sich beide Organisationen gegenseitig und verbreiteten beide Crowleys thelemische Lehre „Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz“.

Hier ist auch bemerkenswert, dass Anton LaVey eng mit Roman Polanski zusammenarbeitete und seine Kirche auf zahlreichen Ebenen Überschneidungen mit den satanischen Manson-Morden aufwies. Während der Dreharbeiten zu Rosemary’s Baby engagierte der Regisseur Roman Polanski LaVey, um die Szenen mit einem satanischen Anführer eines Kults in New York zu inszenieren, der ein junges Mädchen vergewaltigt, das dazu bestimmt ist, den Antichristen auszutragen.[13] Als Polanskis schwangere Frau Sharon Tate von Anhängern Charles Mansons getötet wurde, stellte sich heraus, dass Susan Atkins – die Frau, die Tate mit Messerstichen tötete – von LaVey als barbusige Vampirin bei seiner Hexensabbat-Zeremonie beschäftigt worden war.

Außerdem befand sich der frühere Anhänger der Church of Satan Jay Sebring unter den fünf Opfern jenes Abends.

Bevor wir Aquinos Rolle bei der Beaufsichtigung des Umsturzes im US-Militär unter Generalmajor Albert Stubblebine und das Aufkommen einer neuen mithraischen Wiederbelebung durch Neutempler untersuchen, betrachten wir eine wenig beachtete Seite von Hitlers gnostischer Religion – die Aquino so sehr verehrte.

Hitlers Gnostizismus

Obwohl manche Adolf Hitler bis heute törichterweise als Christen bezeichnen, war es tatsächlich so, dass der Führer die Religion der führenden SS-Eliten teilte und den Gnostizismus förderte. Er ging sogar so weit, die Bibel in Gestalt der „Reichsbibel“ neu zu schreiben und alle nicht genehmigten Übersetzungen in Deutschland zu verbieten.

In Hitlers Version des Christentums wurden zwei der Zehn Gebote gestrichen – darunter „Du sollst nicht töten“ und „Du sollst nicht stehlen“ –, während mehrere neue Gebote hinzukamen, unter anderem „Du sollst deinen Führer ehren“.[14]

Darüber hinaus wurden biblische Geschichten, die auf eine jüdische Herkunft Jesu hindeuteten, umgeschrieben. Man ging sogar so weit zu behaupten, Jesus sei nicht der Sohn Gottes, sondern das Ergebnis eines mitternächtlichen Stelldicheins Marias mit einem reinblütigen römischen Soldaten.[15]

Obwohl er in der Öffentlichkeit bestimmte christliche Begriffe verwendete, verachtete Hitler in Wahrheit die Bibel. 1940 schrieb er:

„Die Religionen sind alle gleich, ganz gleich, wie sie sich nennen. Sie haben keine Zukunft – ganz gewiss nicht für die Deutschen. Der Faschismus mag sich, wenn er will, mit der Kirche verständigen. Das werde auch ich tun. Warum nicht? Das wird mich nicht daran hindern, das Christentum mit Stumpf und Stiel auszurotten und es in Deutschland zu vernichten … Wir werden den christlichen Firnis abwaschen und eine unserer Rasse eigene Religion zum Vorschein bringen.“[16]

Dem preußischen SS-Offizier Hermann Rauschning zufolge beschrieb Hitler seine Ansichten über das Christentum mit den Worten:

„Unsere Bauern haben ihre wahre Religion nicht vergessen. Sie lebt noch immer … Dem Bauern wird gesagt werden, was die Kirche ihm zerstört hat: das gesamte geheime Wissen von der Natur, vom Göttlichen, vom Gestaltlosen, vom Dämonischen … Wir werden den christlichen Firnis abwaschen und eine unserer Rasse eigene Religion zum Vorschein bringen … Durch die Bauernschaft werden wir das Christentum tatsächlich vernichten können, weil in ihr eine wahre Religion lebt, die in Natur und Blut verwurzelt ist.“

Wie in Kapitel fünf dargelegt, verlaufen diese Ansichten parallel zu den Gedanken Carl Jungs, der zu diesem Zeitpunkt eine Führungsposition im Göring-Institut innehatte und an der Spitze der gesamten psychologischen Praxis in Deutschland stand.

Das Göring-Institut selbst wurde von 1939 bis 1944 von einem führenden Mitglied der Eranos-Tagungen namens Gustav Richard Hayer geleitet, der während des Zweiten Weltkriegs und auch danach mit Jung und Fröbe eng verbunden blieb.

Das Zusammenfallen der Gegensätze

Wie bei allen Rosenkreuzern und esoterischen Okkultisten prägte das Thema des „Zusammenfallens der Gegensätze“ das Eranos-Symposium von 1933 maßgeblich.

Während die christliche Theologie eine positive Vorstellung davon vertritt, die Gegensätze in der Natur mithilfe der Vernunft aufzulösen, glaubten die Okkultisten um Jung, dass die Erlösung und Selbstbefreiung des Menschen in der buchstäblichen Verschmelzung moralischer Gegensätze im Herzen und im Geist eines Eingeweihten zu finden sei. Die Konsequenz dieser widernatürlichen Verschmelzung der Gegensätze von Recht und Unrecht, Heiligem und Profanem, Gut und Böse, Männlichem und Weiblichem usw. sollte nahezu jeden Vortrag des Jahres 1933 prägen.

Im Gespräch mit dem Okkultismusforscher und Eranos-Mitreferenten Mircea Eliade sagte Jung:

„Stets als Psychologe sprechend, behaupte ich, dass sich die Gegenwart Gottes in der tiefen Erfahrung der Psyche als coincidentia oppositorum manifestiert und dass die gesamte Religionsgeschichte, alle Theologien, davon zeugen, dass die coincidentia oppositorum eine der häufigsten und ältesten Formeln ist, um die Wirklichkeit Gottes auszudrücken.“

Der jungianische Psychologe Erich Neumann erklärte in seinem Eranos-Vortrag von 1933:

„Die Zivilisation, die im Begriff ist, geboren zu werden, wird in einem weit höheren Sinne eine menschliche Zivilisation sein als jede zuvor, da sie wesentliche gesellschaftliche, nationale und rassische Begrenzungen überwunden haben wird … Die Hinwendung des Geistes vom Bewussten zum Unbewussten, die verantwortliche Annäherung des menschlichen Bewusstseins an die Mächte der kollektiven Psyche – das ist die Aufgabe der Zukunft.“

Diese Verwandlung der Menschheit von einer durch „bewusste“ Prozesse geprägten Spezies in eine neue, nunmehr von unbewussten Kräften der „kollektiven Psyche“ geformte Spezies war ein ehrgeiziges Unterfangen, aber nichts, wovor selbst ernannte neue Menschengötter zurückgeschreckt wären.

Bei der Beschreibung seiner Vorstellung von den „unbewussten“ Kräften, die unter der Oberfläche unseres Gewahrseins brodeln und unseren Willen selbst wie eine dämonische Kraft außerhalb der Kontrolle unserer Vernunft formen, beschrieb Jung jene Verschmelzung der Gegensätze von Gut und Böse, Heiligkeit und Perversität, die alle „selbstverwirklichten“ Eingeweihten zu vereinigen lernen müssten:

„Das Unbewusste ist seiner Natur nach nicht bloß böse, es ist auch die Quelle des höchsten Guten: nicht nur dunkel, sondern auch hell, nicht nur tierisch, halbmenschlich und dämonisch, sondern übermenschlich, geistig und im klassischen Sinne des Wortes ‚göttlich‘.“[17]

Einer der Starreferenten bei Eranos im Jahr 1933 war ein junger Mann namens Joseph Campbell, der eine Theorie der Archetypen in den Mythologien der Welt entwickelte und sie in seinem berühmten Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ darlegte. Dabei griff er auf die Theorie der jungianischen Archetypen zurück, die in heiligen Mythen und Legenden überall auf der Welt verankert seien.

Campbell kritisierte den überholten Charakter des modernen Christentums als einer linearen, männlich dominierten Ideologie, die für das nun anbrechende neue Zeitalter der Befreiung durch Selbstverwirklichung ungeeignet sei. Anstelle des Christentums riet Campbell der Menschheit, zur Reinheit des vorchristlichen heidnischen Stammeslebens zurückzukehren, das dem Leben wie dem Tod gleichermaßen Schönheit zugestand, das Böse ebenso wie das Gute bejahte und das Moralische ebenso wie das Moralische akzeptierte [so im Original; vermutlich ist beim zweiten Mal „das Unmoralische“ gemeint – Anm. d. Übers.]. Campbell erklärte:

„In den älteren Muttermythen und -riten wurden die hellen und dunkleren Seiten jenes Gemischs, das das Leben ist, gleichermaßen und gemeinsam geehrt, während in den späteren, männlich orientierten, patriarchalischen Mythen alles Gute und Edle den neuen, heroischen Herrschergöttern zugeschrieben wurde und den angestammten Naturmächten nur noch der Charakter der Finsternis blieb – dem nun auch ein negatives moralisches Urteil hinzugefügt wurde.“

Die Vorstellung vom Christentum als einer Philosophie, die dem Leben der Menschen einen höheren Wert beimaß als dem anderer Spezies und davon ausging, dass Moral durch Anstrengung, Vernunft und wissenschaftlichen Fortschritt erworben werde, wurde von sämtlichen Eranos-Referenten unmittelbar angegriffen. Diese Merkmale galten als „linear“, vergeblich, wahnhaft und als Ursache sämtlicher psychischer Erkrankungen sowie der Kriege aller Epochen. Campbell brachte dies prägnant zum Ausdruck:

„In dieser Hinsicht erweist sich das Christentum unbestreitbar als die Religion des ‚gefallenen Menschen‘, und zwar in dem Maße, in dem der moderne Mensch unwiderruflich mit Geschichte und Fortschritt identifiziert ist und in dem Geschichte und Fortschritt einen Fall darstellen, da beide die endgültige Preisgabe des Paradieses der Archetypen und der Wiederholung bedeuten.“

Offenbar waren es in den Augen Campbells und Jungs erstrebenswerte Ergebnisse der Psychologie, den Vorrang des menschlichen Lebens gegenüber Gaia zurückzunehmen und zu einem statischen Paradies der Archetypen und zyklischen Wiederholungen zurückzukehren.


[1] Matthias Göring übernahm die Kontrolle über die Deutsche Allgemeine Ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie und nutzte sie, um sämtliche psychotherapeutischen Organisationen um eine „von den Nazis gebilligte“ Philosophie des Geistes zusammenzuführen.

[2] „Carl Jung: Kabbalist And Anti-Semite?“ von Saul Jay Singer, Jewish Press, Oktober 2021.

[3] Goodrick-Clarke, Black Sun, S. 178.

[4] Zitiert in „Adolf Hitler and the Spear of Destiny“, The Arkadian, 2021.

[5] Wenn Ihnen diese Naziprojekte wie etwas vorkommen, das Sie in Hollywoodfilmen wie Jäger des verlorenen Schatzes, Indiana Jones und der letzte Kreuzzug oder Sieben Jahre in Tibet gesehen haben, dann haben Sie entdeckt, wie die psychologische Konditionierung der Massen aussieht.

[6] Lucifer’s Court: A Heretic’s Journey in Search of the Light Bearers von Otto Rahn, Berserker Books, S. 55.

[7] Zitiert in Nazis and the Occult von Paul Roland, S. 166.

[8] www.jewishvirtuallibrary.org/haavara

[9] A. Eichmann, „Eichmann Tells His Own Damning Story“, Life Magazine, Band 49, Nr. 22, 28. November 1960, S. 19–25 und 101–112, hier S. 22.

[10] „The ‘Conspiracy’ Against Michael Aquino – Satanic Pedophile“ von Antony Forwood, Exposing the Truth, 11. Februar 2014.

[11] Das Heilige Buch des großen unsichtbaren Geistes, auch bekannt als das koptische Ägypterevangelium, enthalten in den Kodizes III und IV der Nag-Hammadi-Evangelien.

[12] Unholy Alliance, Peter Levenda, S. 339–340.

[13] „Did the Devil kill Jayne Mansfield?“ von Helen O’Hara, London Telegraph, 2018.

[14] Die Gebote der Reichsbibel lauten: 1) Ehre Gott und glaube von ganzem Herzen an ihn. 2) Suche den Frieden Gottes. 3) Vermeide jede Heuchelei. 4) Heilig seien deine Gesundheit und dein Leben. 5) Heilig seien dein Wohlergehen und deine Ehre. 6) Heilig seien deine Wahrheit und deine Treue. 7) Ehre deinen Vater und deine Mutter – deine Kinder sind deine Hilfe und dein Vorbild. 8) Halte das Blut rein und deine Ehe heilig. 9) Bewahre und mehre das Erbe deiner Vorfahren. 10) Sei bereit zu helfen und zu vergeben. 11) Ehre deinen Führer und Herrn. 12) Diene dem Volk freudig mit Arbeit und Opfer.

[15] Die nationalsozialistische Reichsbibel wird in Luke Harringtons „The Truth About Nazi Germany’s Very Different Version Of The Bible“, Grunge Magazine, 2021, behandelt.

[16] Zitiert in Nazis and the Occult von Paul Roland, Arcturus Publishing Ltd, 2002, S. 178.

[17] Carl Jung, The Practice of Psychotherapy, S. 364.

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