Erinnert euch an gestern: KI für heute und morgen – Mark Goodwin
Ein kurzer Meinungsbeitrag des Unlimited Hangout-Autors Mark Goodwin über die zu wenig diskutierten Nachteile, die sich durch die Verbreitung künstlicher Intelligenz bereits heute zeigen und morgen wahrscheinlich auf uns zukommen.
Quelle: Remember Yesterday: AI For Today and Tomorrow
Künstliche Intelligenz ist wohl die wichtigste technologische Erfindung mit dem größten Umwälzungspotenzial in der Geschichte der Menschheit. Zugleich liefert KI die perfekte erzählerische Tarnung für den größten Griff nach der Macht, den Menschen jemals unternommen haben. Diese Wahrheiten widersprechen einander nicht. Um sich gedanklich in beiden zugleich erfolgreich zurechtzufinden, bedarf es eines differenzierten Denkrahmens, der sich meiner Meinung nach in der öffentlichen Diskussion bislang nicht herausgebildet hat.
Schon die Idee, eine künstliche Intelligenz zu erschaffen, beruht auf der Verbindung des Nichtgreifbaren mit dem Greifbaren – des Bewussten mit dem Unbewussten, des Metaphysischen mit dem Physischen, des Geistigen mit dem Weltlichen, des Psychischen mit dem Physiologischen und so weiter. Die KI-Programmierer und Chiphersteller von heute sind die Alchemisten von gestern: Sie versuchen, Sand in Gedanken zu verwandeln statt Blei in Gold.
Ein Problem, auf das ich bei Diskussionen über KI stoße, ist, dass der Diskurs so schnell in unverhohlene Propaganda ihrer Schöpfer abgleitet oder – womöglich noch heimtückischer – in oberflächliches, esoterisches „Brimborium“ (siehe oben), das die Möglichkeit vernebelt, in der breiten Bevölkerung eine informierte Zustimmung herzustellen. Bislang konnte ich mich mit keiner der vermeintlichen Seiten irgendeiner vermeintlichen Debatte zu diesem Thema vollständig identifizieren. Ich bleibe ausgesprochen skeptisch, was die öffentliche Wahrnehmung der heutigen Auswirkungen angeht, ganz zu schweigen von denen der Zukunft. Meiner Meinung nach hat kein Verfechter dieser Technologie die unmittelbaren und langfristigen Folgen dieses durch verteilte generative und analytische Rechenleistung bewirkten grundlegenden Zustandswandels angemessen behandelt.
Diese beiden Axiome – Greifbarkeit und Zeit – möchte ich als Gerüst für meine Gedanken verwenden, die zugegebenermaßen viele Widersprüche, Verwirrung und ein mir selbst nicht bewusstes Nichtwissen enthalten. Bevor ich ins Thema einsteige, möchte ich diesem bewusst „negativen“ Meinungsbeitrag über die Schattenseiten eine kurze Einschränkung voranstellen: Ich glaube durchaus, dass es eine Handvoll recht interessanter Anwendungsfälle für diese Technologie gibt, wenn es um das angebliche Ziel geht, „den Einzelnen zu stärken“. Allerdings überwiegen die Nachteile meiner Ansicht nach bei Weitem die Vorteile. Deshalb – und weil ich glaube, dass ohnehin viel mehr Argumente für KI im Umlauf sind als dagegen – werde ich Ihnen die positiven Argumente ersparen und mich auf die weniger diskutierten Schattenseiten dieser umwälzenden Technologie konzentrieren.
Das Greifbare heute: Big Data und Überwachung
Die greifbarsten Bedrohungen, die die heutige Verbreitung großer Sprachmodelle (LLMs) mit sich bringt, betreffen Daten – sowohl die personenbezogenen Daten, die ihre Nutzer bereitwillig preisgeben, als auch die gewaltigen Datenmengen, die bereits angesammelt wurden. Diese beiden Wege der Überwachung, ganz zu schweigen von algorithmisch gesteuerter vorausschauender Polizeiarbeit, werden überhaupt erst durch die unglaubliche Fähigkeit der KI ermöglicht, unfassbare Datenmengen mühelos zu durchforsten und aus einem ansonsten unüberschaubaren Datenbestand Menschen und Dinge effizient mithilfe heuristischer Analysen zu einem Beziehungsnetz zusammenzuführen. Viele Befürworter der Technologie halten dem zwar entgegen, man könne zum Schutz der eigenen Daten lokal betriebene Open-Source-Modelle verwenden. Doch letztlich trägt dies wenig dazu bei, die Folgen einer unaufhaltsam schrumpfenden Anonymitätsmenge für Internetnutzer tatsächlich zu begrenzen.
Leider macht die bloße Entscheidung, keine KI mit geschlossenem Quellcode zu nutzen, den grundlegenden Wandel der weltweiten Überwachung durch diese Technologie nicht rückgängig. Der Verzicht auf eine Ring-Kamera an der eigenen Haustür spielt kaum eine Rolle, wenn der Nachbar auf der anderen Straßenseite eine auf Ihr Haus gerichtet hat. Und selbst wenn Sie Ihren Nachbarn dazu bewegen, seine Kamera abzubauen, und auch die weitere Nachbarschaft davon überzeugen, ihre Kameras nach Art des Flock-Systems zu entfernen, verkleinern KI-gestützte Überwachungssatelliten, die über Sie hinwegziehen, und vorbeifahrende fahrerlose Elektroautos voller Sensoren die Anonymitätsmengen, in denen Sie sich in der physischen Welt bewegen, erheblich.
Das Internet ist ein offenes Netzwerk, dessen Knoten miteinander kommunizieren, indem sie größere Datenbestände in winzige, leicht übertragbare Pakete zerlegen, die nach ihrer Ankunft am endgültigen Ziel wieder zu diesen größeren Datenbeständen zusammengesetzt werden. Ein Videoanruf, den Sie beispielsweise mit Ihrem Mobiltelefon führen, wird in einzelnen Datenportionen über eine Hardware-Infrastruktur, die Internetdienstanbietern gehört und von ihnen betrieben wird, an Ihren Gesprächspartner übermittelt. Diese Pakete werden häufig ohne jede Verschlüsselung übertragen. Die betreffenden Internetdienstanbieter oder Softwareanbieter wie Google oder Facebook können mühelos gewaltige Datenbestände über die Aktivitäten ihrer Nutzer ansammeln und speichern – ein Unterfangen, das bis heute angesichts der schieren Menge des Internetdatenverkehrs relativ nutzlos war. Dieselben Werkzeuge und Datenbestände stehen nun in- und ausländischen Nachrichtendiensten, in- und ausländischen KI-Unternehmen sowie in- und ausländischen Streitkräften, Strafverfolgungsbehörden und Justizsystemen zur Verfügung. Leider können unsere Onlineaktivitäten nicht länger Schutz in der Masse finden.
Je mehr Menschen bei der Aufgabenverwaltung, Kommunikation, beim elektronischen Handel, bei der Erstellung von Inhalten und sogar bei der Anlageverwaltung von LLMs abhängig werden, desto größer wird die Menge personenbezogener Daten, die diesen häufig in privater Hand befindlichen Unternehmen und ihren Nutzungsvereinbarungen unterworfen sind – oftmals nur einen Klick davon entfernt, in die Datentresore des Staates zu gelangen. Je mehr Nutzerdaten in verschiedenen Datensilos angehäuft werden, desto stärker wird das Verlangen, sich diese Daten gewaltsam anzueignen. Mit KI-gestützter Ausnutzung von Sicherheitslücken und fortgeschrittenen Phishing-Techniken (siehe Revoluts jüngste Panne) nimmt zugleich die Fähigkeit, sie zu schützen, rapide ab. KI verlangt nach mehr Trainingsdaten und fördert gleichzeitig, dass diesen Datensilos noch mehr Nutzerdaten zugeführt werden.
Verschärft wird dieses Problem durch eine sich selbst verstärkende Rückkopplung der menschlichen Abhängigkeit von genau diesen Systemen: Mehr Nutzung heute bedeutet, dass mehr Prompts und Nutzerdaten in die Trainingsdatensätze einfließen, die wiederum dazu dienen, die Bindung der Nutzer zu verstärken und zu maximieren. Leider hat dieser Kreislauf der Abhängigkeit aus bereitgestellten und gespeicherten Daten wahrscheinlich bereits so etwas wie Fluchtgeschwindigkeit erreicht. Der Versuch, dieses System in die sprichwörtliche Büchse der Pandora zurückzustopfen, wird auf jeder Ebene scheitern, die über das äußerst Lokale hinausgeht – etwa einen Einzelnen, der innerhalb seiner eigenen vier Wände darauf verzichtet. Letztlich ändert das nichts an dem sehr realen grundlegenden Wandel der Überwachung, den KI in der wirklichen Welt ermöglicht.
Nach heutigem Stand scheint die Welt als Ganze beschlossen zu haben, diesen metaphorischen außer Kontrolle geratenen Zug weiter mit Rechenzentren, Kilowatt und Dollars zu füttern. Dabei verschwimmen die Grenzen innerhalb der öffentlich-privaten Partnerschaften, die diese neue Branche tragen. Viele der Befürchtungen hinsichtlich eines staatlich kontrollierten Big-Brother-Systems lassen sich überhaupt nur mit einer KI verwirklichen, die eine Ausweitung der Bürokratie ermöglicht und ihren Maßnahmen Durchsetzungskraft verleiht. Ob das System letztlich vom Staat vereinnahmt oder von einer kleinen privaten Gruppe von Technologen aus Nordkalifornien betrieben wird, ist dabei unerheblich.
Alles, was zählt, ist, dass es existiert und von den Menschen genutzt werden kann, die sich hinter seinen Vorhängen aus linearer Algebra verbergen.
Das Greifbare morgen: Die Stärkung der sich absetzenden Machtelite
Einer der größten Tricks, deren sich die KI-Branche insgesamt bedient, besteht darin, die Diskussion vollständig auf die technologische Ebene zu konzentrieren und das menschliche Element auszublenden. Gelegentlich wird jedoch die Vorstellung einer Stärkung des Menschen durch verteilte Intelligenz auf der Ebene des Einzelnen erörtert. Beispielsweise kann das kleine Unternehmen eines Unternehmers aufgrund deflationärer Effizienzgewinne viel schneller wachsen, weil es Ausgaben für menschliche Arbeit und Zeit reduziert. Das wird im Allgemeinen positiv gesehen, und auf kürzere Sicht hat es durchaus seine Vorzüge. Leider wirkt das Endspiel dieses deflationären Axioms, das uns morgen erwartet, stark zentralisierend: Effizienzgewinne für sie und Schlangen vor dem Arbeitsamt für Sie. Die exponentielle Dynamik dieses sehr realen Mechanismus wird von denjenigen wissentlich verzerrt dargestellt, die am ehesten von ihm profitieren werden – den Verantwortlichen, den Schöpfern, den Investoren und den Gesetzgebern –, während die gesamte Aufmerksamkeit auf der kurzfristigen Stärkung der arbeitenden Bevölkerung liegt.
Sehr reale und sehr greifbare Machtzentren existieren bereits, sei es auf staatlicher Ebene oder im Privatsektor. KI-gestützte Automatisierung und Analyse bieten genau diesen Akteuren die Gelegenheit, sich die Produktionsmittel anzueignen und die aus dieser deflationären Technologie hervorgehenden Gewinne und Effizienzsteigerungen zu zentralisieren. Die Verfechter einer beschleunigten KI-Entwicklung stellen zwar die meisten Forderungen nach einer Verlangsamung als Propaganda der Kommunistischen Partei Chinas oder als kommunistisches Kauderwelsch dar. Doch wie genau wird die arbeitende Bevölkerung dadurch gestärkt, dass eine kleine Minderheit die KI-gestützte, automatisierte Fertigung KI-gestützter Drohnen und Roboter beherrscht? Kriegführung, Gesundheitswesen, Bildung, Bauwirtschaft, Finanzwesen, Landwirtschaft und sogar das Gastgewerbe und die Künste stehen infolge dieser Fortschritte vor tiefgreifenden und dauerhaften Umwälzungen. Was heute als Disruption und Dezentralisierung erscheint, kann morgen rasch in Zerstörung und Konzentration umschlagen.
Die sogenannten „verteilten Effizienzgewinne“ der KI werden beispielsweise durch die Fähigkeit der breiten Bevölkerung begrenzt, Rechenleistung bereitzustellen. Diese erfordert wiederum gewaltige Energiemengen und Kapazitäten zur Chipfertigung. Leider gehören Energiekapazitäten und Energieerzeugung trotz jüngster Fortschritte in der Solar- und Batterietechnologie nach wie vor zu den am stärksten staatlich kontrollierten Bereichen der Welt. Die Chipfertigung könnte sogar die am stärksten zentralisierte Branche überhaupt sein. Während verteilte Rechenleistung die entscheidenden Engpässe der Kontrolle auf Energie und Fertigung reduziert, wird es mit fortschreitender Zeit immer unwahrscheinlicher, dass sich diese Branchen zum Nutzen der KI-Anwender irgendwie aus dem Griff ihrer Kontrolleure lösen.
Die von den Verantwortlichen gepriesene Stärkung durch KI kommt ebenso den bereits Mächtigen zugute – sei es dem Staat selbst, den privaten Unternehmen und Investoren oder den verschworenen Kreisen innerhalb jener sich absetzenden Verschmelzung öffentlicher und privater Interessen, die unser Leben seit vielen Jahrzehnten politisch wie wirtschaftlich beherrscht. Viele meiner persönlichen Befürchtungen hinsichtlich des Machtzuwachses, den der Staat durch die digitalisierte Wirtschaft von morgen erfährt – ungeachtet der persönlichen Gewinne aus der heutigen Wertsteigerung digitaler Vermögenswerte –, werden von KI-Lobhudlern ebenso ignoriert. Sie weigern sich, die Parallelen anzuerkennen: Zentralisierte Machtzentren werden durch KI gestärkt, ob Open Source oder nicht. Eine weitere Parallele zwischen den beiden Modellen besteht darin, dass die wohlig-warmen Gefühle gegenüber Open-Source-KI denen ähneln, mit denen privat ausgegebene Dollar-Stablecoins überschüttet werden, während KI mit geschlossenem Quellcode die Rolle der digitalen Zentralbankwährungen (CBDCs) in der Debatte um überwachbares und programmierbares Geld spielt. (Sogar ihre Marketingsprache weist verblüffende Ähnlichkeiten auf: „Den Hirnlosen ein Hirn geben“ ist das neue „Den Menschen ohne Bankkonto Zugang zum Bankwesen verschaffen“.)
Verschärft wird diese bedauerliche Realität durch die Vorstellung, dass unsere potenziellen Dissidenten im Gruppendenken gefangen bleiben, während sich diese abgehobene Macht durch den Einsatz und die Kontrolle KI-gestützter Fertigung die Produktionsmittel einverleibt – sei es für Energiekapazitäten, Chipfertigung oder Rechenleistung. Dieses Gruppendenken wird seinerseits durch die fortgesetzte Nutzung von LLMs verbreitet und vereinheitlicht.
Das Nichtgreifbare heute: Die virale Vervielfältigung vereinheitlichten Denkens
Während wir die Fähigkeit der KI erörtert haben, große Datenmengen zu analysieren, haben wir ihrer Fähigkeit, Inhalte zu erzeugen, bislang wenig Zeit gewidmet. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die heutigen Auswirkungen ihrer generativen Fähigkeiten auf den ersten Blick relativ wenig greifbar sind. Zunächst einmal haben die Erzeugung von Gedanken und die Verbreitung von Inhalten in ihrer heutigen Form den Diskurs so zentralisiert, dass er auf Social-Media-Plattformen beheimatet ist und auf verblüffend ähnlichen Datensätzen beruht – beides bestimmt durch einen kleinen Kreis etablierter Silicon-Valley-Größen. Das bedeutet: Was Sie bei der Erstellung von Inhalten für einen Effizienzgewinn halten, ist tatsächlich eine Vereinheitlichung des Denkens, die über Bahnen verbreitet wird, auf denen kuratierende Bots und Algorithmen patrouillieren. Diese Kombination und dieser Kontext verstärken eine virusartige Vervielfältigung menschlicher Gleichförmigkeit, mit zahlreichen nichtgreifbaren Folgen für die Gegenwart.
Diese Verklumpung von Inhalten hat beispielsweise enorme Auswirkungen auf die Fähigkeit, sich zu organisieren und angemessen darüber zu diskutieren, ob wir Menschen diese Entwicklung tatsächlich in dem derzeit forcierten Ausmaß beschleunigen sollten. Offen gesagt lässt sich argumentieren, dass die gesamte Weltwirtschaft an die Vorstellung gekoppelt wurde, KI werde „funktionieren“ und alle heute aufgenommenen Schulden würden durch die besagten Effizienzgewinne und deflationären Effekte ausgeglichen. Leider haben die generative und verbreitende Funktionsweise der KI selbst, gepaart mit einem Arsenal formbarer, im Silicon Valley entwickelter Inhaltsalgorithmen – ganz zu schweigen von den finanziellen Anreizen auf der Ebene von Staaten und Influencern –, das denkbar schlechteste Umfeld für einen angemessenen Diskurs über die Technologie selbst geschaffen. Deshalb rate ich Ihnen, sich nach Kräften über die konstruierte und simulierte kollektive Angst hinwegzusetzen, abgehängt zu werden, die der heute allgegenwärtigen gekauften Propaganda anhaftet. Es ist in Ordnung, die Narrative der Techno-Optimisten infrage zu stellen, von denen viele ihre privaten Technologieunternehmen mit dem nationalen Sicherheitsstaat verschmolzen haben. Es ist mehr als berechtigt, die Motive der KI-Branche zu hinterfragen. Die Beschleunigungsbefürworter behaupten, mit ihrer Forschung die Grenzen menschlichen Denkens zu erweitern, beschämen dann aber diejenigen, die außerhalb der vorgeschriebenen Bahnen denken – dafür, dass sie mit Bedacht denken.
Ich fürchte, im Rückblick werden wir erkennen, dass sich viele der Fehler, die aus Unkenntnis der langfristigen Folgen der KI-Nutzung entstehen und einander verstärken, durch einen angemessen sorgfältigen Umgang mit den Ungewissheiten von heute hätten vermeiden lassen.
Das Nichtgreifbare morgen: Der erstickte Geist
Der letzte Quadrant, das nichtgreifbare Morgen, erfordert leider eine gewisse Auseinandersetzung mit dem bereits erwähnten esoterischen „Brimborium“. Die hervorbringende, schöpferische Kraft der Natur – sei es im Inneren des Geistes eines einzelnen Menschen oder in einem größeren physischen Ökosystem – ist ernsthaft in Gefahr. Sowohl Einzelne als auch die Menschheit als Ganzes sind durch die Flut minderwertiger KI-Inhalte bedroht, die die eigenen nichtgreifbaren „Trainingsdatensätze“ der Menschheit verderben, während sie unsere wichtigsten kulturellen Schlachtfelder beherrschen. So wie der Trainingsdatensatz einer KI dadurch verdorben werden kann, dass sie mit ihren eigenen generierten Inhalten trainiert wird, kann auch die Wissensbasis desjenigen, der die Prompts eingibt, durch die unablässige Nutzung generativer Werkzeuge anstelle des eigenen Verstandes und der eigenen Kreativität verunreinigt werden. Darüber hinaus wird selbst bei jenen, die sich etwa beim Verfassen eines Meinungsbeitrags dagegen entscheiden, einer Maschine einen Prompt zu geben, die eigene Inspiration durch den ständigen Kontakt mit diesem KI-Müll beeinflusst – seien es Artikel, Podcast-Skripte, Memes, Musik oder weniger offensichtliche Gelegenheiten für solchen Müll wie Speisekarten von Außer-Haus-Angeboten, Logos oder Websites.
So wie der Umzug in ein neues Land, in dem eine andere Sprache gesprochen wird, das Unbewusste verändern und die Träume beeinflussen kann, wird der Übergang der Menschheit in eine neue, KI-gesteuerte Welt mit einer neuen generativen Sprache für Rhetorik und Gestaltung mit Sicherheit nichtgreifbare Auswirkungen auf unser Unbewusstes haben, kollektiv wie individuell. Ohne mich für die übrige Philosophie der Theosophie aussprechen zu wollen – was ich ausdrücklich nicht tue –, könnte man ihren Begriff der „Akasha-Chronik“ als Parallele zu den Trainingsdatensätzen heranziehen, die LLMs beim Erzeugen von Inhalten auswerten. Je mehr der jüngste Teil der „Akasha-Chronik“ – der kollektiven Erfahrung der Menschheit – von Erfahrungen beherrscht wird, die durch künstliche Intelligenz beeinflusst und erzeugt werden, desto weniger der menschlichen Gesamterfahrung bleibt gleichzeitig menschlichen Ursprungs. Die langfristigen Auswirkungen sind schlicht unbekannt.
Die eigene geistige Leistung an ein LLM auszulagern, ist das eine. Wenn Gesellschaft und Kultur dies tun, könnten die gemeinschaftlichen Folgen jedoch gewaltige Auswirkungen auf das Nichtgreifbare haben – auf die Kreativität, auf die Seele, auf die hervorbringende Natur des Lebens selbst. Was Letzteres betrifft, so hat schon der Beginn der Existenz selbst – etwas aus dem Nichts – im Laufe der Menschheitsgeschichte eine Vielzahl spiritueller, philosophischer und religiöser Überlegungen hervorgerufen. Die einzige Gewissheit über ein solches Ereignis ist, dass niemand da war, um es zu beobachten. Und obwohl ich meine eigenen Gedankengänge nicht vollständig verstehe, fürchte ich, dass diese dem Leben selbst innewohnende Eigenschaft, etwas aus dem Nichts hervorzubringen, unter den angehäuften Überwachungsdaten und dem durch KI ermöglichten dauerhaft verfügbaren Kontext begraben werden könnte.
Das Leben und die menschliche Kreativität werden unter KI-Müll begraben, während Kultur und Gesellschaft unter dauerhafter Überwachung ersticken – unabhängig davon, ob AGI oder ASI erreicht werden.
Gestern und das AGI-Paradox
Ich glaube, es gibt einen nicht gerade erfreulichen Grund dafür, warum sich die Diskussion bislang so sehr darauf konzentriert hat, ob AGI erreicht wird oder ob dies überhaupt möglich ist: Die Frage wird zu einem semantischen Problem, und letztlich spielt sie keine Rolle. Die große Angst vor KI heute, „p(Doom)“, also die Wahrscheinlichkeit des Untergangs, beziehungsweise die existenzielle Bedrohung durch eine außer Kontrolle geratene künstliche generative Intelligenz (AGI), erfasst nicht jene Realität, die unabhängig von einem kriegerischen Akt unserer Schöpfung nach Art von Skynet entsteht.
Meiner Meinung nach sind der Untergang durch KI und der Überfluss durch KI ein weiteres falsches Gegensatzpaar. Die Menschheit wird sich mit dem Aufkommen und der Verbreitung moderner KI-Algorithmen für immer verändern, unabhängig davon, ob diese die Voraussetzungen für AGI erfüllen. Um es „poetisch“ auszudrücken: Ein Algorithmus muss nicht über die Existenz nachdenken können, um sie auszulöschen. Die übermäßige Konzentration auf die sehr unwahrscheinlichen Extreme – „p(Doom)“ oder eine durch AGI ermöglichte Utopie – verstellt in der heutigen Debatte den Blick sowohl auf das, was durch KI bereits geschehen ist, als auch auf das, was wahrscheinlich geschehen wird.
Ich fürchte mich weniger vor einem durch KI ausgelösten Weltuntergang als davor, dass sich die Menschheit durch KI per Doomscrolling in die Bedeutungslosigkeit und den geistigen Tod hineinmanövriert. Ich glaube gewiss nicht, dass ein von oben verordnetes Verbot der Technologie irgendetwas Gutes bewirken würde; es würde lediglich die Kontrolle über eine ohnehin zentralisierende Technologie weiter zentralisieren. Mehr Hoffnung setze ich darauf, dass ein Widerstand gegen KI von unten uns helfen könnte, den Geist der Menschheit zu bewahren – mit all seinen Fehlern und Schwächen.
Nachdem ich eine frühe Fassung dieses Textes einigen vertrauten Freunden mit ausgesprochen KI-freundlichen Positionen gezeigt hatte, hörte ich immer wieder eine Ansicht: Wenn der Überwachungsstaat neben den oben beschriebenen Nachteilen ohnehin schon so fest verankert sei, warum sollte man die Technologie dann nicht heute einfach nutzen? Leider kann ich mich mit einigen Elementen dieser Denkweise nicht abfinden.
Zunächst einmal bin ich fest davon überzeugt, dass nicht jeder Grundsatz zum Schutz der Privatsphäre in eine Sackgasse führt. Ich werde weder anderen den Zugang versperren noch Untergangsstimmung verbreiten, wenn es um die sehr realen Bemühungen geht, geschützte Freiräume für die Privatsphäre zu schaffen, die Menschen nutzen können – digitale ebenso wie andere. Zweitens glaube ich ebenso fest daran, dass die Welt – oder vielmehr die Wahrnehmung der Welt durch die Elite – auf einem karmischen Gesetz von einer ihrem Wesen nach unerkennbaren Art beruht. Nachdem ich mich nun einige Jahre intensiv mit der Analyse der Pläne der Mächtigen beschäftigt habe, erscheint es mir offensichtlich, dass die Offenlegung ihrer Methode für sie von größter Bedeutung ist. Es gibt zahlreiche Varianten versteckter Symbolik und Äußerungen dieser Anführer und ihrer Handlanger, in denen sie offen aussprechen, was eigentlich unausgesprochen bleiben sollte. Aus diesen Gründen – so lächerlich sie manchen erscheinen mögen – werde ich nicht darin einwilligen, den Kampf um die Privatsphäre aufzugeben, nur um einige Abläufe meines Alltags mithilfe von KI etwas effizienter zu gestalten.
Stattdessen möchte ich diejenigen, die das wünschen, dazu ermutigen, es zur Normalität zu machen, offen über eine Abneigung gegen KI-generierte Inhalte zu sprechen. Noch besser: Bemühen Sie sich ausdrücklich darum, KI-freie Inhalte zu unterstützen! Wählen Sie sorgfältig aus, was Sie und Ihre Familien von dem erwähnten KI-Müll aufnehmen, und bewahren Sie all das, was Menschen in den Zeiten geschaffen haben, bevor Silizium für uns denken konnte. Die Menschheit rast zweifellos auf eine neue Grenze zu – eine mit sehr, sehr vielen erklärten Versprechen und einigen weniger offen ausgesprochenen Ängsten. KI wird mit Sicherheit eine neue Welt hervorbringen, nur vielleicht nicht diejenige, die man uns verkauft hat.
Um unser Morgen zu sichern, müssen wir heute nur eines tun: uns an gestern erinnern.