Juli 24, 2024

François Noël Babeuf? Außer ein paar geschichtsaffinen Menschen dürfte der Name vielen sicher nichts sagen. Babeuf gilt als „erster Kommunist“ der Geschichte und spiele eine große Rolle in der französischen Revolution. Letztere wiederrum dürfte allgemein bekannt sein – hoffentlich, denn heute weiß man ja nie. Gut möglich, daß Bildungsinhalte dank einer überqualifizierten Qualitätspresse bereits durch Taylor Swift ersetzt wurden. Jedenfalls war das doch diese französische Volksbewegung, die die Monarchie zu Fall brachte, richtig? Falsch.

Und die bolschewistische Revolution? Ah, ein weiteres historisches Zufallsprodukt. Auch falsch. Leo Trotzki, zumindest dieser Name ist doch aber fest verankert. Russischer Revolutionär, der, ebenso wie Wladimir Iljitsch Lenin, die Zarendynastie hinwegfegte. Wie bitte? Was behauptest du da? Trotzki und Lenin könnten beide im Auftrag des British Empire gehandelt haben? Also Agenten oder „Assets“ des britischen Geheimdienstes gewesen sein? Das wird ja immer doller.

Aber dieser Name hier, der ist doch wohl völlig unverdächtig: Karl Marx. Ganz großer Denker, richtig? Intellektueller Stichwortgeber der kommunistischen Bewegung, der „Internationale“, die aus dem Hintergrund geführt wurde von … britischen Aristokraten.

Eigentlich müßte das neue, jüngst erschienene Buch „How the British invented Communism (and blamed it on the Jews)“ von Richard Poe zur Pflichtlektüre im Geschichtsunterricht werden. Was natürlich nicht passieren wird – leider – denn Poe bohrt einfach zu tief. Also keine Erwähnung dieses großartigen Buches – schon jetzt eines der wichtigsten des Jahres – in den „Lese-Empfehlungslisten“ der Torwächterpresse? War ja nur eine rhetorische Frage.

Wenn zwei führende und knallharte britische Imperialisten wie Arnold Toynbee und erst recht Lord Alfred Milner einen Marx über den Klee loben, ist etwas faul. Oder wie Poe es vortrefflich ausdrückt:

„Beide lobten Marx als Genie. Beide vertraten die faszinierende Ansicht, dass der Sozialismus Großbritanniens Geheimwaffe zur Eindämmung und Abwehr von Revolutionen sei“ (S. 70).

Toynbee und Milner waren beide „Ruskinites“, manchmal auch „Ruskiytes“ geschrieben: Sie entsprangen der imperialistischen Denkschule des Oxford-Professors John Ruskin – einer der vielen Kaderschmieden des britischen Kolonialreiches – der zufolge der beste Weg zur Verbreitung fortschrittlicher Sozialpolitiken und zivilisatorischer Werte in der Welt in Eroberung und Kolonisierung bestünde – eine Auffassung, die bekannt wurde als „Anglo-Saxon Mission“ (Angelsächsische Mission).

„Die Geschichte“, so Poe,

„ist voll von Männern wie Marx, die es angeblich aus eigener Kraft nach oben schafften und allein durch ihre Fähigkeiten erfolgreich waren. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich oft, dass solche »Selfmade-Männer« auf einflussreiche Verwandte angewiesen waren, die ihnen Türen öffneten. Karl Marx war so ein Mann.“ (S. 57).

Und in Marx‘ Fall half die Aristokratie kräftig nach.

Marx war zudem eng befreundet mit einem schottischen Adeligen und Erzreaktionären namens David Urquhart, der einen neuen Feudalismus anstrebte: Die einfachen Arbeiter und Bauern, behauptete Urquhart, seien unter der Feudalherrschaft der Vergangenheit viel besser dran gewesen als unter dem neumodischen Industrialismus. Man könnte auch sagen: Sie besaßen nichts (oder kaum etwas), aber waren viel glücklicher …

Doch ist das nicht ein Widerspruch? Warum sollte ein Sozialrevolutionär wie Marx mit einem reaktionären Aristokraten zusammenarbeiten? Ganz einfach: Beide verband eine tiefe Abneigung gegen die Mittelschicht, die „Burgeoisie“, wie Poe richtig bemerkt. Und genau die sollte ausgemerzt werden. Im Vorwort des Buches heißt es dazu:

„Am überraschendsten ist vielleicht die seltsame Allianz zwischen Karl Marx und dem schottischen Aristokraten David Urquhart, einem Erzreaktionär, der eine Rückkehr zum Feudalismus anstrebte. Was beide Männer verband, so Richard, war ihre gemeinsame Verachtung für die Bourgeoisie. Beide waren der Meinung, dass die Mittelschicht die größte Bedrohung für eine gerechte und stabile Weltordnung darstellte und beseitigt werden musste. Spulen wir in die Gegenwart vor. Die zerstörerische Politik des Great Reset lässt kaum einen Zweifel daran, dass die Mittelschicht immer noch das Ziel ist und dass die unwahrscheinlich erscheinende Verbindung von Marx und Urquhart sehr lebendig ist. So setzen Kommunismus, Feudalismus und Globalismus ihre heimliche und inzestuöse Affäre bis zum heutigen Tag fort und gebären ihren monströsen Nachkommen: die Umsetzung des Feudalismus 2.0.“

Doch warum förderte, finanzierte und unterstützte das Britische Kolonialreich Ideologien wie den Kommunismus – so wie später auch andere Ideologien wie z.B. der Faschismus machtelitären Support erhielten? Wieso war auch der italienische Diktator Benito Mussolini ein „Asset“ des britischen Inlandsgeheimdienstes „Militäry Intelligence Division 5“, abgekürzt MI5?

Hatte dies wirklich nur geopolitische bzw. -strategische Motive? Es dürfte heute allgemein bekannt sein, dass das British Empire sich nicht die Butter vom Welthandelsbrot nehmen lassen wollte und deshalb kein Interesse an einem starken Kontinentaleuropa hatte, ebenso wenig wie an einem prosperierenden Russland, das z.B. über seine Schwarzmeerhäfen dem berühmten Slogan „Britannia rules the waves!“ eventuell den Garaus hätte machen können. Ebenso wie Deutschland kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Aber so spielen sie nunmal, die großen Zufälle der Geschichte.

Ganz zu schweigen von der ebenso berühmten „Herzland-Doktrin“ des britischen Geographen Sir Halford John Mackinder:

„Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland. Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel. Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“

Eine Doktrin, die vom offiziellen Nachfolger des britischen Weltreichs, dem „American Century“, bekanntlich 1:1 übernommen wurde: Lasst uns alles demokratisch-humanitär wegbomben, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist und sich den unleugbar Guten verweigert.

Abgesehen von den politischen Motiven gibt es natürlich noch weitere, vor allem (massen)psychologische Gründe dafür, daß herrschende Eliten kollektivistische Ideologien immer wieder förderten (und dies auch heute noch tun): Sie erleichtern, wie ich gerne sage, das Massenmanagement:

Eine große Bevölkerung von Millionen Menschen individuell steuern zu wollen, wäre natürlich unmöglich. Mithilfe solcher Ideologien jedoch lassen sich Menschen recht einfach in eine Handvoll weniger Lager, Denkschulen oder Fraktionen aufteilen, die man dann prima gegeneinander in Stellung bringen und ausspielen kann. Das „Wir“ entscheidet dann, wer dem ersehnten Menschheitsparadies im Weg steht und deshalb bekämpft werden „muß“. So hält sich die Bevölkerung untereinander selbst in Schach, genauer: Schachmatt.

„Es ist kein Zufall“, schreibt Poe weiter,

„dass das so genannte Zeitalter der Revolution mit dem Aufstieg Großbritanniens zur Weltherrschaft zusammenfiel. Genau in dieser Ära – vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert – beherrschte Großbritannien den Einsatz politischer Subversion als Waffe der Staatskunst, als Instrument zum Sturz von Regierungen, die ihm im Wege standen.“ (S. 45).

Damit ist auch die Frage beantwortet, die im Buchtitel bereits klar und deutlich anklingt: Warum schob man, so wie einst Winston Churchill in seinem im „Illustrated Sunday Herald“ veröffentlichten, berüchtigten Artikel, alles auf „die Juden“? Und warum folgte die britische Presse auf dem Fuße, indem sie z.B. die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ förderte und dadurch antisemitische Propaganda verbreitete? Es war ein Ablenkungsmanöver. Niemand, so Poe, sollte erfahren, wie die schlagkräftigste Geheimwaffe des britischen Imperiums – auf geheimdienstlichem Wege künstlich losgetretene „Farbenrevolutionen“, und als solche kann man sowohl die französische als auch die bolschewistische Revolution bezeichnen – wirklich funktionierte und vor allem, wer sie wirklich abfeuerte.

Kurz und schmerzlos: Die britische Presse beteiligte sich an einer höchst unethischen, antisemitischen Schmierenkampagne:

„In den folgenden Monaten warben führende britische Zeitungen für The Jewish Peril. Die London Morning Post veröffentlichte eine lange Reihe von Artikeln über das Buch. ‚Lesen Sie die verblüffenden Enthüllungen darüber, was die Unruhen in der Welt verursacht. Lesen Sie über den Einfluss der bösen Juden‘, hieß es in einer Anzeige vom 20. Juli 1920 für die Serie. Die Londoner Times ging sogar so weit zu fragen, ob der Erste Weltkrieg gegen den falschen Feind geführt worden sei. ‚Sind wir … einer Pax Germanica entkommen, nur um in eine Pax Judaica zu geraten?“, fragte ein Leitartikel der Times vom 8. Mai 1920.“ (S. 5)

„Damit“, so Poe,

„folgte Churchill einem ausgetretenen Pfad. Britische Geheimdienstler waren über 200 Jahre lang bestrebt, die Geschichtsschreibung mit gefälschten Erzählungen zu unterfüttern, die eine Allianz zwischen jüdischen und deutschen Okkultisten behaupten, die in Geheimgesellschaften organisiert wären und sich zu dem gemeinsamen Zweck zusammengeschlossen hätten, die christliche Zivilisation zu stürzen.“ (S. 113)

Womit er das Märchen von der „jüdischen Weltverschwörung“ meint, das sich unseligerweise bis heute hält – vor allem in einigen „alternativen“ Medien. Selbst heute noch wird darauf herumgeritten, Illuminaten und Freimaurer hätten sich unter jüdischem Zepter gegen den Rest den Welt verschworen. Wenn also ein Tilman Knechtel, Betreiber des Youtube-Kanals „TrauKeinemPromi“, einem seiner Videos den Titel gibt „Freimaurer – Die Lakaien Israels“, so ist das „nur“ ein später Ausläufer eben jener antisemitischen Agitprop, mit der das British Empire in skrupelloser Weise von den eigenen Machinationen abzulenken versuchte. Ein weiteres interessantes Detail: Churchill berief sich in besagtem Artikel auf eine gewisse Nesta Helen Webster – die familiärerseits ebenfalls Verbindungen zu den britischen Geheimdiensten hatte.

Wer Geschichte besser verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Zum Schluß noch ein kleines Schmankerl. Poe stellt genau die richtigen Fragen:

„Heute ist allgemein anerkannt, dass die alte Aristokratie ausgestorben sei. Die Reste, die sich in muffigen Salons von Orten wie dem Buckingham Palace verstecken, gelten als machtlos, unwichtig und finanziell unbedeutend. Stattdessen sollen wir nun glauben, dass Selfmade-Unternehmer wie Bill Gates und Elon Musk zu den reichsten und mächtigsten Männern der Welt aufgestiegen sind. In Wirklichkeit können wir gar nicht wissen, wer die reichsten Menschen sind, da der Reichtum routinemäßig in Offshore-Trusts und unter Firmenmänteln versteckt wird, wo er nicht zurückverfolgt werden kann. Tatsächlich gibt es Anzeichen dafür, dass – entgegen der Marx’schen Theorie der bürgerlichen Revolution – bestimmte aristokratische Familien es nicht nur geschafft haben, die industrielle Revolution mit ihrem Reichtum und ihrer Macht zu überleben, sondern auch gelernt haben, in dem neuen System zu gedeihen, indem sie ruhig und unauffällig lebten und der Bourgeoisie das ganze Rampenlicht überließen.“ (S. 65-66, meine Hervorhebung)

Bingo, Richard. Bingo.

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