Wie nationalsozialistisch ist der Coronismus? – Radu Golban

Quelle: Just How National Socialist Is Coronism?

Die freiheitseinschränkenden Corona-Eindämmungsmassnahmen mit den nationalsozialistischen Ermächtigungsgesetzen von 1933 zu vergleichen, ist recht einfältig und wird den gewaltigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen angesichts des neuartigen Grippevirus nicht gerecht. Eher sollte man sich fragen, wie der Coronismus den Beginn einer neuen Epoche einläutet, für deren theoretischen Unterbau sich die Fachliteratur der NS-Ideologie (Endes 19. Jh. bis 1945) bestens eignet.

Der Coronismus reklamiert bereits heute eine absolutistische Deutungshoheit für sich, als könne er nicht weiter hinterfragt werden. Um die Frage zu beantworten, wie sehr er sich vom Nationalsozialismus unterscheidet, bedarf es keiner wissenschaftlichen Abhandlungen; ich möchte  mich nur ungern mit dem menschenverachtenden Gedankengut und dem Lobpreis auf den freiheitseinschränkenden Drang der damaligen Fachliteratur mehr als nötig auseinandersetzen. In einer Ära des Testens beschränke ich mich lieber auch auf einen simplen Test: den „Enten-Test“. Der aus dem Englischen stammende „duck test“ ist recht einfach. „Wenn es aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es wahrscheinlich eine Ente.“ Der Test zur Durchseuchung des Coronismus mit NS-Ideologie ist auch nicht verschreibungspflichtig und lädt regelrecht zum Mitmachen ein.     

Während die Befürchtungen mancher überzeugter Freiheitsanhänger sich auf die Grundrechtsbeschneidungen beziehen, bereitet mir die Richtlinienflut, welche unser Leben künftig prägen wird, die weit grösseren Sorgen. Hingegen läuft es mir bei den Ansätzen zu einer neuen gesellschaftlichen Umwälzung, die als revolutionierend angepriesen wird, regelrecht kalt den Rücken runter. Ob es um das menschliche Miteinander geht, Formen der Arbeit, Produktion, Konsum bis hin zur Freizeitgestaltung – alles sollte sich dem gesundheitserhaltenden Gleichschaltungsdiktat unterwerfen. Gerade an diesem erneuernden Anspruch, die Welt Corona-tauglich zu gestalten, erblickt man die vollständige Bandbreite einer totgeglaubten Ideologie.

Unbestritten lassen die Lockerungsdebatten auch eine Hoffnung auf Rückkehr zur Normalität aufkommen, doch erscheint es als unwahrscheinlich, dass man das frühere gewohnte Leben so leicht wiedererlangen wird. Sowohl die Hinweise auf die nächste Pandemiewelle wie auch Überlegungen zum alltagsprägenden Umgang mit dem Virus deuten auf einen langanhaltenden Prozess hin. Zwischen der mit völkischer Rhetorik kaschierten Überbürokratisierung und den ausufernden Vorschriften im Namen der Gesundheit scheint die Grenze nur allzu verschwommen zu sein. Heute sind es nicht mehr die Klassenkonflikte, welche die NS-Ideologie durch wissenschaftliches Management und sozialtechnologische Vorstellungen von Rationalisierung an der Wurzel anpacken wollte, sondern es ist die Eindämmung einer angeblichen Seuche mit den gleichen Mitteln. Vom Umgestaltungwahn ergriffen, werden Coronismus und Nationalsozialismus durch die grotesken Debatten über die Zukunftswelt des Individuums entlang technischer Machbarkeitsfantasien regelrecht vereint.

Die bekannte US-amerikanische Rockefeller-Stiftung hatte in einer 2010 veröffentlichten Pandemiesimulation mit einem SARS-Virus die einzelnen Szenarien nach dem Ende eines Lockdowns präsentiert. Zwar schmückt sich das Material nicht mit Hakenkreuzen, doch würde man in den zukunftsweisenden Spekulationen über eine kapitalismusfreie, sozialere, umweltfreundlichere, konsumenthaltsame, Grundbedürfnisse deckende Welt von morgen, deren technologischer Fortschritt in der Medizin liegt, kaum Unterschiede zur NS-Propaganda finden.

Es ist im Hinblick auf die Einstufung der Zeichen der Zeit fatal, die NS-Ideologie einzig an ihrer rassistischen Ausprägung beurteilen und sie deshalb in die Geschichtsbücher verbannen zu wollen. Der kollektive Modernisierungsanspruch als ständiges Phänomen in einer Gesellschaft führt zu einer weit grösseren Erosion einer pluralistischen Ordnung als manche Notrechtsdebatten. Wegen des strengen Interpretationsvorbehalts der NS- Ideologie lediglich entlang ihrer rassistischen Ausrichtung läuft man Gefahr, dass solches Gedankengut die Gesellschaft erneut penetriert – weit mehr, als uns lieb ist. Darin liegt vermutlich der entscheidende Verlust unserer Freiheit: Indem die Werte des Individuums, wie wir sie bisher geschätzt haben, sich einem abstrakten gesellschaftlichen Wertekanon neu unterzuordnen haben. Der Freiheitsverlust wird also nicht durch Ermächtigungsvorschriften manifestiert, sondern durch die utopische Umgestaltung der ganzen Ordnung.

Konturen der modernen Welt, entlang gedeckelter Grundbedürfnisse, Nivellierungstendenzen durch moralisch rechtfertigenden Konsumverzicht lassen den Coronismus als ein neues Wertesystem erscheinen, das Klassenkampf und Neid durch eine alle gleichbehandelnde Krankheit ersetzt. Der Satz „Vor dem Virus sind wir alle gleich“ wird vermutlich die Präambel der Coronisten-Verfassungen in baldiger Zukunft schmücken.

Auch kann ich darin, wie Coronismus und Nationalsozialismus das Wirtschaftsleben beeinflussen, bei aller Mühe nichts entdecken, was die Würde des Menschen erhalten könnte. Wie es der Zufall so will, haben die Gesundheitsapostel der Kleinbürgerdiktatur in Braun damals wie heute es auf die leistungsschwachen Kleinbetriebe und den Mittelstand abgesehen, um deren Verdrängung als einen „gesellschaftlichen Wandel zu einer grosswirtschaftlichen Struktur“ zu bezeichnen. Korporatismus über alles dank Subventionen, Versammlungsverbote für unerwünschte Gewerkschaften und fallende Löhne durch eine Flut Verarmter, die damals wie heute im Namen des wirtschaftlichen Fortschritts durch Ausbeutung einer ganzen Bevölkerungsschicht in Reih und Glied und Mundschutz antreten sollen.

Welche Ironie der Geschichte, dass im Kontext einer revolutionierenden Wertedebatte eine stramme Staatsführung und die Pharmaindustrie wieder einmal eine Allianz eingehen. Mir ist nicht bekannt, wie sehr zumindest die deutschen Chemie- und Pharmariesen den Nazischergen für das zur Verfügung gestellte Eldorado an Versuchspersonen wohl heimlich Gebete gesprochen haben müssen. Ich verweise lediglich auf die Geschichtsbücher und falls diese zu öde sind, auf ein gespanntes und abenteuerliches neues Einlassen auf den Handschlag, den sich die Pharmariesen mit den Notrechtsdemokratien über den Köpfen der Menschen geben.  

Es ist überflüssig, noch hinzuzufügen, dass sich Coronismus und Nationalsozialismus von der Isolation des Individuums durch die Zurückdrängung des Privatlebens, um ihn von Gleichgesinnten fernzuhalten, eigentlich das Gleiche versprechen: den gesunden modernen Menschen. Daher empfehle ich all denjenigen, die sich dieser neuen Ordnung gedankenlos unterwerfen, es sich nochmal zu überlegen, um nicht eines Tages ähnlich wie die gescheiterten frommen, braunen „Modernisierer“ von einst nach einem verlorenen Krieg einer Welt vorzulügen, dass man von nichts gewusst habe.

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