August 10, 2022

Ist Pelosis Reise nach Taiwan der von Jake Sullivan geforderte „Pearl-Harbour-Moment“? – Cynthia Chung

Der Rummel um Pelosis Reise nach Taiwan ist ein deutliches Zeichen dafür, dass etwas unglaublich Rücksichtsloses und Dummes passieren wird.

Quelle: Is Pelosi’s Trip to Taiwan the ‘Pearl Harbour Moment’ Jake Sullivan Called For? – LewRockwell LewRockwell.com

Im Oktober 2019 erklärte Jake Sullivan, der 2021 zum Nationalen Sicherheitsberater der USA ernannt wurde, in einem Interview, dass die USA eine klare Bedrohung bräuchten, um die Welt zu versammeln und die Rolle des Retters der Menschheit zu spielen, und dass China dieses Organisationsprinzip für die Außenpolitik der USA sein könnte. In dem Interview aus dem Jahr 2019 räumt er ein, dass das Problem darin bestünde, dass die Menschen nicht glauben würden, dass China eine globale Bedrohung darstelle, dass ihre Sicht auf China zu positiv sei und dass die Vereinigten Staaten einen „Pearl-Harbour-Moment“ bräuchten, ein Ereignis, das wirklich im Mittelpunkt stehe, um ihre Meinung zu ändern.

Laut Sullivan – derselbe Mann, der zur militärischen Intervention in Libyen und Syrien aufgerufen hatte – muss der amerikanische Exzeptionalismus „gerettet“ und „zurückgewonnen“ werden, natürlich nicht mit tatsächlichen qualitativen Aktionen, die ihre eigene Position als Modell wahrer demokratischer Regierungsführung bei den amerikanischen Bürgern und der Welt rechtfertigen würden, sondern eher durch immer aggressivere PR und auf Beschuldigungen basierende soziale Konditionierung in den Medien – wobei jeder, der auf die klare Heuchelei dieser Aussagen hinweist, als „Bedrohung der nationalen Sicherheit“ bezeichnet wird. Akteure wie Sullivan haben gezeigt, dass sie bereit sind, alles zu tun, um diesen „Pearl-Harbour-Moment“ zu erreichen, selbst wenn Terrorakte gegen das eigene Volk erforderlich sind, um den „Feind“ in den Augen der Bürger als Monster darzustellen.

Dies ist keineswegs eine neue Strategie. Die „Operation Gladio“ ist ein perfektes Beispiel dafür, wie die NATO unter dem Deckmantel des „kommunistischen Terrorismus“ einen jahrzehntelangen Geheimkrieg gegen ihre eigenen europäischen Bürger und gewählten Regierungen führte.

Im Jahr 1962 schlug General Lyman L. Lemnitzer, Chef der Generalstabschefs, die „Operation Northwoods“ vor, eine Operation unter falscher Flagge gegen amerikanische Bürger, die vorsah, dass CIA-Agenten Terroranschläge gegen amerikanische militärische und zivile Ziele sowohl inszenieren als auch tatsächlich begehen und anschließend die kubanische Regierung beschuldigen sollten, um einen Krieg gegen Kuba zu rechtfertigen. Der Plan wurde eigens von General Lemnitzer ausgearbeitet und weist auffällige Ähnlichkeiten mit der NATO-Operation Gladio auf.

Die Logik von „Northwoods“ war die von „Gladio“. Der Generalstab neigte zu vorgefertigter Gewalt, weil er glaubte, dass Vorteile für den Staat mehr zählten als Unrecht gegen Einzelpersonen. Das einzige wichtige Kriterium ist das Erreichen des Ziels, und das Ziel war eine rechtsgerichtete Regierung.v

Es gab keinen einzigen Punkt im Northwoods-Handbuch, der nicht auf einen eklatanten Akt des Verrats hinauslief, und doch schickte das US-Militärestablishment die „Top Secret – Justification for U.S. military Intervention in Cuba“ direkt auf den Schreibtisch von Verteidigungsminister Robert McNamara, um sie an Präsident Kennedy weiterzuleiten.

Natürlich lehnte Präsident Kennedy den Vorschlag ab, und einige Monate später wurde General Lemnitzer, der vom 1. Oktober 1960 bis zum 30. September 1962 im Amt war, nicht mehr als Vorsitzender der Generalstabschefs bestätigt.

Die NATO verlor jedoch keine Zeit, und im November 1962 wurde Lemnitzer zum Befehlshaber des US-Europakommandos und zum Obersten Alliierten Befehlshaber der NATO für Europa ernannt; letzteres Amt übte er vom 1. Januar 1963 bis zum 1. Juli 1969 aus.

Lemnitzer war die perfekte Besetzung für die Überwachung der kontinentübergreifenden Gladio-Operationen in Europa. Lemnitzer war die treibende Kraft bei der Gründung der Special Forces Group im Jahr 1952 in Fort Bragg, wo Kommandotruppen für den Fall einer sowjetischen Invasion in Europa in der Kunst des Guerilla-Aufstands ausgebildet wurden. Schon bald arbeiteten die Männer, die mit Stolz ihre markanten grünen Barette trugen, diskret mit den Streitkräften einer Reihe europäischer Länder zusammen und nahmen an direkten militärischen Operationen teil, von denen einige äußerst heikel und von höchst zweifelhafter Legalität waren.

Das neue amerikanische Jahrhundert

Die Aussage von Jake Sullivan, dass wir einen „Pearl Harbour Moment“ brauchen, ist nicht neu.

Im September 2000 wurde ein Bericht mit dem Titel „Rebuilding America’s Defenses: Strategy, Forces and Resources For a New Century“ [Strategie, Streitkräfte und Ressourcen für ein neues Jahrhundert, Anm. d. Übersetzers] von niemand Geringerem als dem „Project for the New American Century“ veröffentlicht. In dem Bericht heißt es (S. 51):

„… der Prozess der Transformation, selbst wenn er revolutionäre Veränderungen mit sich bringt, wird wahrscheinlich langwierig sein, wenn nicht ein katastrophales und katalytisches Ereignis – wie ein neues Pearl Harbor – eintritt.“

Interessanterweise heißt es im selben Bericht, der vom „Project for the New American Century“ veröffentlicht wurde (S. 60):

„Auch wenn es mehrere Jahrzehnte dauern kann, bis sich der Transformationsprozess entfaltet, wird sich die Kunst der Kriegsführung in der Luft, zu Lande und zur See mit der Zeit stark von der heutigen unterscheiden, und der ‚Kampf‘ wird wahrscheinlich in einer neuen Dimension stattfinden: im Weltraum, im ‚Cyberspace‘ und vielleicht in der Welt der Mikroben … Fortgeschrittene Formen der biologischen Kriegsführung, die auf bestimmte Genotypen ‚abzielen‘ können, könnten die biologische Kriegsführung aus dem Reich des Terrors in ein politisch nützliches Instrument verwandeln.“

Richard Perle, der von seinen Gegnern als „Fürst der Finsternis“ und von seinen Bewunderern als „Pentagon’s Brains“ bezeichnet wird, war ein Gefolgsmann von Albert Wohlstetter, sozusagen der „Kopf“ der RAND Corporation (mehr dazu hier). Paul Wolfowitz war ein weiterer Gefolgsmann Wohlstetters. Die Anhänger Wohlstetters, zu denen laut Perle auch Donald Rumsfeld gehörte (1), waren so zahlreich, dass sie sich selbst „die St. Andrews Prep“-Jungs (2) nannten.

Perle erklärte (3), die Invasion des Irak im Jahr 2003 sei „der erste Krieg, der auf eine Weise geführt wurde, die Albert [Wohlstetters] Vision von zukünftigen Kriegen entspricht. Dass er so schnell und entschlossen gewonnen wurde, mit so wenigen Opfern und so wenig Schaden, war in der Tat eine Umsetzung seiner Strategie und seiner Vision.“

Die Forderung nach einem „Pearl-Harbour-Moment“ kam ursprünglich von den Wohlstetters selbst.

Ein neuer Pearl-Harbour-Moment

Mitte der 1950er Jahre erstellte Roberta Wohlstetter, Alberts Ehefrau und RAND-Kollegin, ihre bahnbrechende Analyse von Pearl Harbour, die vom Pentagon als maßgebliches Werk der amerikanischen Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts bezeichnet wurde. Die Studie war zunächst ein internes RAND-Dokument, das auf nicht klassifizierten Dokumenten aus den Kongressakten basierte.

Warner Schilling bemerkte in seiner scharfsinnigen Rezension von Robertas Arbeit über Pearl Harbour, dass „das Hauptkonzept, das Frau Wohlstetter in Bezug auf diese Ereignisse zum Tragen bringt, [ist, dass] … die Bilder von der Welt, die Regierungsbeamte auf der Grundlage von Geheimdienstinformationen aufbauen … nicht so sehr von den ‚Fakten‘ abhängen, die ihre Quellen zur Verfügung stellen, sondern vielmehr von den ‚Theorien‘ über die Politik, die sie bereits im Kopf haben und die sowohl ihr Erkennen als auch ihre Interpretation der genannten ‚Fakten‘ leiten.“

Die wichtigste praktische Lehre aus Robertas Pearl Harbour war, dass die Vereinigten Staaten in schnelle und aggressive Mittel investieren sollten, um auf Überraschungsangriffe reagieren zu können (mehr zu dieser Geschichte finden Sie hier).

Am 12. Januar 2003 veröffentlichte die „Los Angeles Times“ einen Artikel mit dem Titel „Agenda Unmasked“, in dem sie schreibt:

In den Stunden unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September, lange bevor irgendjemand sicher war, wer dafür verantwortlich war, bat Verteidigungsminister Donald H. Rumsfeld Berichten zufolge darum, Pläne für einen amerikanischen Angriff auf den Irak auszuarbeiten …

Auf den ersten Blick erscheint Rumsfelds frühe Ausrichtung auf den Irak merkwürdig. Zu wenig war bekannt, zu viel ungewiss. Aber der Wunsch des Verteidigungsministers, den Irak anzugreifen, war weder impulsiv noch reaktiv. Seit dem ersten amerikanischen Krieg gegen den Irak im Jahr 1991 wollten Rumsfeld und andere, die diesen Krieg geplant und durchgeführt hatten, zurückkehren und beenden, was sie begonnen hatten. Sie sagten dies in Berichten, die sie in den letzten Jahren der Regierung von George H.W. Bush für den damaligen Verteidigungsminister Dick Cheney verfassten, und sie setzten den Vorstoß fort, als sie in den Clinton-Jahren nicht mehr an der Macht waren. Im Frühjahr 1997 schlossen sich Rumsfeld, Cheney und andere zum Project for the New American Century (PNAC) zusammen und begannen eine konzertierte Lobbyarbeit für einen Regimewechsel im Irak.

In einem offenen Brief an Präsident Clinton vom 26. Januar 1998 forderte die Gruppe „die Entfernung des Regimes von Saddam Hussein von der Macht“, und in einem Brief vom 29. Mai 1998 an den damaligen Sprecher des Repräsentantenhauses Newt Gingrich (R-Ga.) und den damaligen Mehrheitsführer im Senat Trent Lott (R-Miss.). Zu den Unterzeichnern eines oder beider Briefe gehörten Rumsfeld, William Kristol, Herausgeber der konservativen Zeitschrift Weekly Standard und Vorsitzender des PNAC, Elliott Abrams, der verurteilte Iran-Contra-Verschwörer, den Präsident Bush letztes Jahr zum Direktor für Nahostpolitik im Nationalen Sicherheitsrat ernannte, Paul D. Wolfowitz, jetzt Rumsfelds Stellvertreter im Pentagon; John R. Bolton, jetzt Unterstaatssekretär für Rüstungskontrolle; Richard N. Perle, jetzt Vorsitzender des Defense Science Board; Richard Armitage, jetzt Colin Powells Stellvertreter im Außenministerium; und Zalmay Khalilzad [ein weiterer Gefolgsmann Wohlstetters(4)], ehemaliger Berater der Unocal Corp. und jetzt Sondergesandter für Afghanistan.

… Sie rechneten damit, dass die radikalen Veränderungen in der US-Militärpolitik, die sie befürworteten, langsam erfolgen müssten, wenn nicht, wie es der PNAC-Bericht „Rebuilding America’s Defenses“ ausdrückte, ein „katastrophales und katalytisches Ereignis – wie ein neues Pearl Harbor“ eintreten würde. Am 11. September 2001 bekamen sie ihr Pearl Harbor“.

Wie der Artikel in der „Los Angeles Times“ auch feststellt, wäre ohne den 11. September 2001 als ihr Pearl Harbor die gesamte Kampagne gegen den Terror im Nahen Osten niemals zu rechtfertigen gewesen.

Tatsächlich waren die meisten Amerikaner seit der katastrophalen PR-Kampagne des Vietnamkriegs entsetzt über die Aussicht, in weitere ausländische Kriege einzutreten, die unter den eindeutig falschen und heuchlerischen Begriffen von „Frieden“ und „Freiheit“ geführt werden.

Der 11. September hat das alles geändert.

Wenn Jake Sullivan also feststellt, dass es nicht genug Anti-China-Stimmung gibt, um das Bild der Vereinigten Staaten als „Retter der Menschheit“ gegen China zu stärken, und dass Amerika einen „Pearl-Harbour-Moment“ braucht, wäre ich sehr vorsichtig.

Der Zirkus, der sich in den kommenden Tagen um Pelosis Reise nach Taiwan abspielt, und die offensichtliche Freude, die viele dieser Neokonservativen bei dieser Aussicht empfinden, ist ein klares Zeichen dafür, dass etwas unglaublich Rücksichtsloses und Dummes im Gange ist.

Pelosis Flugzeug könnte tatsächlich auf ihrer völlig irrelevanten und unnötigen Reise nach Taiwan abgeschossen werden, und wenn das passieren sollte, bräuchte man sich nicht zu wundern, wenn die USA selbst dahinterstecken – die gezeigt haben, dass sie bereit sind, für diesen „Pearl-Harbour-Moment“ alles zu tun.

Fußnoten

(1) Alex Abella (2008), „Soldiers of Reason: The RAND Corporation and the Rise of the American Empire“, Harcourt Books
(2) Ebd.
(3) Ebd.
(4) Ron Robin (2016), „The Cold War They Made: Das strategische Vermächtnis von Roberta und Albert Wohlstetter“, Harvard University Press.

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